Oldenburgisches Staatstheater bespielt mit „Indien“ die Bar der Exerzierhalle

Moch dir ma‘ koa Sorg‘n

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„Ja, sehr schön, sehr schön, wunderbar!“ – wenn nur der Kollege nicht wäre: Gaststätten-Kontrolleur Kurt Fellner (Klaas Schramm) muss mit Heinz Bösel (Thomas Birklein) durch die Lande ziehen. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Das Schnitzel für schlappe fünf Euro fünfzig, dazu eine ordentliche Portion Kartoffelsalat: Da gibt es nichts zu meckern in der Bar der Oldenburger Exerzierhalle. Bloß, dass dieses verheißungsvolle Angebot auf der Gastrotafel nicht den Theaterbesuchern gilt. Sondern dem Theater selbst.

Was hat das Oldenburgische Staatstheater nicht schon alles bespielt: einen stillgelegten Militärflughafen, ein ehemaliges Casino für Offiziere, den Ballsaal des städtischen Schlosses. Allein die Bar der Exerzierhalle fehlte noch, jener Ort, an dem sich Abend für Abend durstige Theaterbesucher auf ihr Pausenbier stürzen.

„Indien“ nennt sich das Stück aus der Feder eines österreichischen Kabarettisten-Duos (Josef Hader und Alfred Dorfer), das am Dienstagabend in der Regie von Thomas Renner Premiere feierte. Es handelt sich um eine Tragikomödie, die es in den neunziger Jahren einmal als Film zu bescheidenem Ruhm gebracht hat.

Das Schnitzel also ist an diesem Abend dem Gasthaus-Kontrolleur Heinz Bösel (Thomas Birklein) vorbehalten. Und der lässt es sich sichtlich schmecken. Wobei „sichtlich“ eigentlich nur für den breiten, von einer Lederjacke bedeckten Rücken dieses stämmigen Mannes gelten kann, dessen Ruckeln und Zuckeln aber eifriges Schneiden, Schlucken, Rülpsen verrät: ein grober Klotz, in dem man mehr den urigen Stammgast vermuten möchte als den peniblen Inspektor im Auftrag des Staates.

Den verkörpert vielmehr Kollege Kurt Fellner (Klaas Schramm), halb so breit, dafür doppelt so gediegen. In Anzug und Krawatte kommt er dynamisch um die Ecke gebogen, auf seiner Nase eine seriöse Brille, auf den Lippen ein flotter Spruch: „Ja, sehr schön, sehr schön, wunderbar! Das ist also der Speisesaal!“ Und dann beruhigt er den ängstlichen Wirt (René Schack), erzählt ihm, dass seine Gaststätte im Großen und Ganzen die gesetzlichen Vorgaben erfüllt, bloß der Teppich noch ein bisschen besser zu befestigen wäre – weil er sonst rutscht, auf dem darunter liegenden Linoleum.

Sie bilden ein ungleiches Paar, der grobe Klotz und der pflichtbewusste Beamte. Wo der eine deftigstes Österreichisch knödelt, pflegt der andere feinstes Hochdeutsch; und haut sich der Erste bei jeder Gelegenheit ein Schnitzel rein, so bestellt sich der Zweite lieber ein Sandwich: Von Berufs wegen miteinander durch die Lande ziehen zu müssen, ist für den einen wie für den anderen eine Strafe.

Wie Birklein und Schramm diese Gegensätze aufeinander prallen lassen, das ist darstellerisch wunderbar gelöst und gewinnt der eigentlich nicht sonderlich originellen Grundkonstellation ein erstaunliches Maß an Komik ab. Insbesondere Birklein ist dabei eine herausragende Leistung zu bescheinigen, weil er in Bösels tumbem Charakter eine kindliche Dimension aufzuzeigen versteht. Das hat zur Folge, dass in diesem zerrütteten Verhältnis immer auch so etwas wie eine Beziehung zwischen Vater und Sohn durchscheint: mit allem Ärger über die Dummheiten beziehungsweise Besserwissereien des jeweils anderen.

Und wie so oft in hierarchischen Verwandtschaftsverhältnissen dieser Art zeigt sich das Trennende in den guten Zeiten, das Verbindende in den Schlechten. Und schlechte Zeiten kommen schon früh für den peniblen Beamten Kurt Fellner: Hodenkrebs im Endstadium. Wer sitzt an seinem Sterbebett, als letzter, treuer Gefährte? Ausgerechnet Heinz Bösel, der einfältige Trottel von der Gaststättenaufsicht. „Kopf hoch, halt‘ die Ohr‘n steif!“, stammelt er. Es soll eine Aufmunterung sein. „Na, moch‘ dir ma‘ koa Sorg‘n. Schau, heutzutag‘, in der Medizin, der Fortschritt… des wiard scho‘, gell?“ Da wendet sich das Komische ins Tragische, wenn auch diese Wendung ein bisschen kitschverdächtig erscheint.

Bleibt nur die Frage nach dem Titel. Von Indien ist lediglich nebenbei die Rede, etwa wenn Fellner im Gasthaus über Ernähungsgewohnheiten der Völker spricht und dabei den Reis ins Spiel bringt. Oder wenn er – bereits auf dem Sterbebett – über die Emanzipation der Frau schwadroniert, die bei den wiedergeburtsgläubigen Indern gar nicht notwendig sei: weil die Karten des Lebens nach dem Tod ja ohnehin neu gemischt werden.

Im Film begegnet Bösel am Ende einem indischstämmigen Zeitungsverkäufer und glaubt, in ihm die Reinkarnation seines soeben verstorbenen Kollegen zu sehen. An der Bar der Exerzierhalle dagegen bleibt allein das unbefriedigende Gefühl einer Leerstelle: Was die Geschichte von Herrn Bösel und Herrn Fellner über unser eigenes Leben sagt, dazu hätte man gerne noch einen Fingerzeig erhalten.

Weitere Vorstellungen: am 24. November sowie am 9., 15.und 27. Dezember, jeweils um 20 Uhr in der Bar der Exerzierhalle, Oldenburg.

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