Rainald Grebe präsentiert den dritten Teil vom „Anadigiding“ in Hannover

Mitten ins Herz

Tragen wir in naher Zukunft alle solche Uniformen? Rainald Grebes „Anadigiding“ geht in die dritte Runde. - Foto: Karl-Bernd Karwasz

HANNOVER - Willkommen bei der „Futura“! Die Zukunftsmesse findet im hannoverschen Schauspielhaus statt, und als Organisator ist Rainald Grebe engagiert worden. Was naturgemäß für einige Verwirrungen sorgt: Der Vielzweckkünstler rührt zum Abschluss seiner „Anadigiding“-Trilogie wieder einmal die ureigene Mischung aus Blöd- und Tiefsinn an.

Theater, Musik, Pantomime, Projektionen: In der Wahl seiner Mittel war Grebe noch nie zimperlich, und das ist bei dieser Uraufführung nicht anders. „Die Welt von morgen“ lautet der Untertitel des Abends, und einmal mehr wird deutlich, dass morgen eigentlich schon heute heißt und schneller gestern ist, als man sich das träumen lassen möchte. Die technischen Möglichkeiten verändern sich in einem Tempo, dass kaum noch einer mitkommt.

Wer wollte nicht immer schon einen Pullover haben, dessen Farbe sich je nach Gemütsverfassung des Trägers ändert? Eine Toilette, die automatisch den Urin auf bedenkliche Werte untersucht? Eine Küche, die Menüvorschläge macht? All das und noch viel mehr wird hier vorgestellt. Nicht zuletzt Verbesserungen für den Theaterbetrieb: Implantierte Chips könnten dafür sorgen, dass Darsteller auf Knopfdruck überlange Vorstellungen beschleunigen (das wird mit einem amüsanten Seitenhieb auf die hannoversche Inszenierung „Wolf unter Wölfen“ verbunden), mühelos die Sprache wechseln oder in Sekundenschnelle von heiter auf betrübt umschalten.

Mag dies noch Zukunftsmusik sein, das Darknet gibt es tatsächlich: Grebe führt den für Normalsterbliche nicht zugänglichen Bereich des Internets vor, in dem beispielsweise Waffen oder Drogen feilgeboten werden, und ordert kurzerhand für das Schauspielhaus ein paar Kilo Koks. Auch „Autonomous Sensory Meridian Response“, kurz: ASMR, ist ein real existierender Trend, dessen prominenteste Vertreter millionenfach angeklickt werden: Schöne junge Menschen hantieren mit Alltagsgegenständen und wispern dazu beruhigende Worte. Wenn Schauspielerin Julia Schmalbrock das im Live-Video mit Bürste oder Ananas imitiert und hier ein „soft“, dort ein „juicy“ ins Mikro haucht, entsteht gerade dadurch die Komik, dass sie kaum übertreibt – diese Clips sind nun einmal so entrückt.

Weil es nicht nur digi-, sondern auch ana- zugehen soll, kommt es irgendwann zu einem Rücksturz im Zeitpfeil, der unter anderem die Zubereitung von Muckefuck streift, Tänze vom „Gangnam Style“ bis zum Wiener Walzer einbindet und in den Auftritt eines Römers mündet.Eine schlüssige Dramaturgie besitzt der Abend bei alledem letztlich nicht, auch gibt es einige große Spannungslöcher. Dafür hat er eine ganze Reihe Volltreffer zu bieten. Grebes Lied vom „Zusammenhang“, das von Albernheiten zunehmend ins Ernsthafte driftet und schließlich fast philosophisch anmutet („Du bist der Zusammenhang“), gehört zu den Höhepunkten des Abends, zumal der Entertainer wirklich gut singen kann.

Und mitten ins Herz trifft der „Projektchor der Seniorenkantorei der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannes“ mit seiner unbefangenen Natürlichkeit: Wenn ein älterer Herr darüber spricht, dass ein angesagter Buchtitel wie „1 000 Orte, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt“ doch eigentlich recht sinnfrei sei und zum Schluss kommt, „Ich habe da keinen Leistungsdruck“, erklingt Szenenapplaus. Dem ist ja auch nichts mehr hinzuzufügen.

Die nächsten Vorstellungen: heute und am 15. März, 19.30 Uhr, sowie 20. März, 17 Uhr, Schauspielhaus Hannover. Das Ticket berechtigt zum freien Eintritt in die Ausstellung „Digital Archives“ im Kunstverein Hannover (Besprechung folgt). Wer zuerst die Schau besucht, erhält im Gegenzug 20 Prozent Ermäßigung auf die Eintrittskarte für „Die Welt von morgen“.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt
„Heavy Metal ist doch akzeptiert“: Wann Musik für Zündstoff sorgt – und wann nicht

„Heavy Metal ist doch akzeptiert“: Wann Musik für Zündstoff sorgt – und wann nicht

„Heavy Metal ist doch akzeptiert“: Wann Musik für Zündstoff sorgt – und wann nicht
Bremer Galerie K’ zeigt Gemälde von Thomas Hartmann

Bremer Galerie K’ zeigt Gemälde von Thomas Hartmann

Bremer Galerie K’ zeigt Gemälde von Thomas Hartmann
Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Kommentare