Die Entdeckung der Jugend

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Folgenreiche Innovation aus den 60er Jahren: Die Antibabypille.

Oldenburg - Von Rainer Beßling. Es ist das Jahrzehnt der Aufbrüche und Umbrüche. Russen und Amerikaner erobern das Weltall, die Bundesliga startet, der Rocksaum rutscht nach oben. Rüstungsgegner versammeln sich bei Ostermärschen, mehr als 100 Starfighter-Piloten verlieren ihr Leben.

Die erste sozialliberale Koalition verspricht „mehr Demokratie“, ein Boom an Selbstbedienungsläden verändert das Konsumverhalten, die Antibabypille das Sexualleben der Deutschen.

„Mini, Mofa und Maobibel“ betitelt das Landesmuseum Oldenburg eine umfangreiche Schau über die sechziger Jahre in der Bundesrepublik und deutet damit gleich deren Facettenreichtum an. Auf rund 400 Quadratmetern dokumentieren mehr als 300 Objekte in verschiedenen Themenfeldern die Innovationen und Gegensätze in einer der ereignis- und folgenreichsten Epochen des 20. Jahrhunderts. Eine der spannendsten ist die häufig regelrecht zum Mythos stilisierte Dekade sicher. Die Schau im Oldenburger Schloss gelingt es mittels unterschiedlicher Medien, den Swing der Sixties anschaulich zu machen. Vor allem durch direkte Begegnungen mit damaligen Lebenswelten und ikonen.

Im „Wirtschaftswunder“ steigt der Bedarf an Geschäfts- und Wohnraum sprunghaft. Eine Sanierung der Innenstädte bleibt aus, Retortensiedlungen an der Peripherie entstehen. Funktionale Architektur und Sichtbeton prägen das Stadtbild, während der Siegeszug des farbigen und flexiblen Kunststoffs das Produktdesign revolutioniert. Der Raumfahrt-Hype beeinflusst Möbel und Mode.

Während sich die politischen Machtverhältnisse verschieben und das gesellschaftliche Zusammenleben verändert, erobert die Jugend, ein gewichtiger Faktor dank des Babybooms der Nachkriegszeit, zunehmend die Öffentlichkeit. Protest- und Popkultur mischen dank neumedialer Verbreitung das Land auf. Aber nicht nur als Krawallmacher, sondern auch als Konsumenten gewinnen die Teens und Twens an Einfluss und Bedeutung.

Ein ganzer Ausstellungsraum widmet sich der Mode, in der sich parallele Entwicklungen, eher allmähliche Veränderungen und Kontraste des Jahrzehnts widerspiegeln. Zwar gelten die 60er Jahre als Epoche der Rebellion und die Outfits als deren Ausdruck. Doch die Schnitte verändern sich langsam, verschiedene Jugendbewegungen pflegen ihre eigenen Auftritte. Hippies tragen eine Anti-Mode-Haltung als gegenbürgerliches Zeichen.

Was grundsätzlich neu ist: Die Mode verliert ihren elitären Status, erstmals geht sie von der Jugend aus. Kleider werden zu Wegwerfartikeln aus preiswertem synthetischem Material. Erstmals findet ein intensiver Austausch zwischen Mode, Musik, Kunst und Film statt. Op-Art und Pop-Art fließen in Kleidung und Accessoires ein. Warenhäuser reagieren auf die den Jugend-Alltag beherrschende Macht der Musik mit entsprechend beschallten Verkaufsräumen. Der Mini als Mode-Signet der 60er bleibt in jener Zeit allerdings quantitativ eine Ausnahmeerscheinung.

Ein nachgebautes Wohnzimmer im ehemals hochaktuellen verschlankten Skandinavien-Look vermittelt im Schloss Gediegenheit. Reisen, auch das thematisiert die Schau, wird mit zunehmender Motorisierung zu einem Lieblingsthema der Deutschen. Die klassischen Künste sehen sich mit einer rasch expandierenden Kulturindustrie und den Massenmedien konfrontiert.

Wie schon in vorangegangenen Epochen-Schauen gelingt es den Oldenburger Kuratoren, mit prägnanten Objekten und pointierter Auswahl sowohl das Erscheinungsbild als auch den Geist des gewählten Zeitraums sinnfällig zu machen. Die Rickenbacker-Gitarre John Lennons, Tontechnik aus dem Bremer Beat-Club, das Filmkostüm von Pierre Brice in den Winnetou-Filmen, eine Berliner Polizeiuniform samt Schlagstock und Handschellen aus den Tagen der Studentenrevolte markieren Eckpunkte eines bunten und bewegten Jahrzehnts.

Bis 3. März, Di-So, 10-18 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Katalog: 19,95 Euro.

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