Die menschliche Seite Afghanistans: „Ausgerechnet Kabul“ von Ronja von Wurmb-Seibel

Zwischen Soldaten und Scharia

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Das Buchcover

Syke - Von Marvin Köhnken. An der Schranke zum Nato-Feldlager in Kabul treffen zwei Welten aufeinander: Die Welt der Afghanen, die seit 35 Jahren den Krieg erleben und sich doch nicht an ihn gewöhnen können. Und die Welt der Soldaten, die häufig weder die Sprache der Bevölkerung sprechen noch eine Ahnung davon haben was es heißt, in Angst leben zu müssen. An dieser Schranke verkaufen drei junge Mädchen Schals und erzählen von ihren Kunden, die so wenig über Afghanistan wissen. Erzählen von dem Tag, als sich direkt vor ihren Augen ein Mann in die Luft gesprengt hat. Und von ihren Albträumen, die sie seitdem nachts begleiten.

Auf der Suche nach dem, was Afghanistan über Taliban-Terror und Bomben-Blindgänger hinaus auszeichnet, hat sich die Autorin Ronja von Wurmb-Seibel nach Kabul begeben – um dort zu erfahren, was es für die Menschen heißt, zwischen Soldaten und Scharia zu leben.

In ihrem Buch „Ausgerechnet Kabul“ hat die damals 27-Jährige dreizehn Geschichten niedergeschrieben, die ihr ihre Gesprächspartner erzählt haben. Menschen, die die junge Deutsche als die wahren Experten dessen, was es heißt, im Krieg zu leben, bezeichnet. Menschen, die in ihren Augen den Unterschied machen zwischen Hoffnungslosigkeit und Mut.

Aus einer zweiwöchigen Recherchereise nach Kabul entwickelte sich ein weiterer, einjähriger Aufenthalt. Am Ende sieht Wurmb-Seibel die afghanische Hauptstadt mit anderen Augen. Und erzählt von ihren Erlebnissen, die weit über die Arbeit der dortigen Bundeswehrsoldaten hinausgehen und unvoreingenommene Einblicke liefern. Die Autorin öffnet ein Fenster in eine Welt, von der in den Medien oft nur Zerrbilder und Oberflächlichkeiten vermittelt werden.

Grenzen, die das Land durchziehen

Wurmb-Seibel berichtet von Grenzen, die Afghanistan und seine Hauptstadt durchziehen – geographische und kulturelle Grenzen, im Großen wie im Kleinen. Sie berichtet vom Leben der Frauen, vom Leben der als Helfer ins Land kommenden Ausländer und von Nato-Soldaten, die niemals die schützenden Mauern ihrer Camps hinter sich gelassen haben. Und die deshalb oft genauso wenig über das Land wissen, wie die TV-Zuschauer in Deutschland.

Rund 30 Millionen Menschen leben in dem Land zwischen Iran und Pakistan. Viele sind geflüchtet, viele kommen aber auch trotz ihrer Angst vor dem Krieg zurück. In Hilfsorganisationen oder auf eigene Faust setzen sie sich für ihre Heimat ein, hören den Menschen zu oder geben ihnen eine neue Perspektive.

Diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft versucht die Autorin den Lesern begreiflich zu machen: Indem sie über die Straßen läuft und die Menschen ohne Scheu anspricht, allen Gefahren zum Trotz. So blickt sie auch über die Stadtgrenzen hinaus auf das Leben in Afghanistan und die mitunter ganz alltäglichen Sorgen der Bevölkerung.

Vorurteilsfrei und weltenüberspannend

Während einige Gesprächspartner farblos bleiben und schnell wieder in Vergessenheit geraten, bleiben andere Geschichten im Gedächtnis: die rund um das Bomben-Museum beispielsweise. Oder die von einem Soldaten, der das Land mit offenen Augen kennengelernt hat. Herausgekommen ist ein Buch, das zum Verständnis der Afghanen beiträgt und Fakten in ein menschliches Gewand kleidet. Vorurteilsfrei, kritisch und im Sinne des Wortes weltenüberspannend.

Ronja von Wurmb-Seibel: „Ausgerechnet Kabul – 13 Geschichten vom Leben im Krieg“

DVA 2015, 250 Seiten, 18 Euro.

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