US-Geigerin Hilary Hahn über ihren Auftritt in Hannover und das Deutsche in ihr / Konzert im Großen Sendesaal des NDR

Mendelssohn-Violinkonzert: „Fast wie ein Gesang“

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Hilary Hahn ·

Hannover - Von Jörg WoratDas soll ein Klassikstar sein? Die junge Frau, die da im Künstlerzimmer des NDR höchstpersönlich dem Journalisten ein Glas Wasser eingießt und sich nach seinem Befinden erkundigt, wirkt doch wie das typische „girl next door“.

Ein höfliches girl obendrein, das seine offenkundige Müdigkeit nicht zu deutlich werden lassen will: „Ich bin immer müde“, sagt Hilary Hahn auf entsprechende Anfrage souverän, lächelt charmant und erweist sich anschließend bei ihren Antworten als hellwach.

Deutsch will die amerikanische Ausnahmeviolinistin sprechen, natürlich, so wie sie in Frankreich wohl französisch sprechen will und in Japan japanisch. Mit deutsch fing das Multitalent allerdings schon in der Schule an, was damit zu tun haben mag, dass Urgroßmutter und -tante aus Bad Dürkheim stammten. Einige Traditionen hat Hilary Hahn früh kennengelernt, „zum Beispiel die Weihnachtspyramide.“ Und in eine deutsche Kirche ist sie als Kind gegangen: „Da hatte ich mit sechs oder sieben auch mein erstes Großkonzert, mit mehr als 30 Leuten.“

Inzwischen dürfte die 31-Jährige das Wort „Großkonzert“ etwas anders definieren, bei ihrer aktuellen Tour mit der NDR Radiophilharmonie gibt es zumindest in Hannover gleich zweimal einen vollen Saal. Das späte Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy spielt sie dabei – was schätzt sie, die erklärtermaßen keinen Lieblingskomponisten hat, an ihm besonders? „Das ist fast wie ein Gesang und hat etwas Spielerisches.“ Wie steht’s mit Tschaikowsky, den sie 2008 eingespielt hat? „Großzügige Musik, eine Herausforderung.“ Und Charles Ives, dessen Violinsonaten im kommenden Januar erscheinen sollen? „Da passiert so viel gleichzeitig, das muss man als Interpret auch voneinander trennen können. Sehr moderne Musik, obwohl sie hundert Jahre alt ist.“

Bach hat Hilary Hahn schon mit neun Jahren gespielt. Geht das überhaupt, braucht man dafür nicht eine gewisse Lebenserfahrung? „Wieviel Lebenserfahrung hat man mit 31? Das kann man auch mit fünf Jahren spielen oder mit einem. Die Lebenserfahrung habe ich von den Menschen mitbekommen, die mir diese Musik beigebracht haben.“

Um noch einmal auf das Deutsche zurückzukommen: Findet die Violinistin etwas davon in ihrem Charakter? Ist sie sehr diszipliniert? „Eher konzentriert, man hat mir gesagt, das sei ich als Kind schon gewesen“, sagt Hilary Hahn und ist dann mit dieser Antwort nicht ganz glücklich: „Mehr noch als Disziplin und Konzentration ist es“ – ausnahmsweise fehlt ihr die deutsche Vokabel – „responsibility“. Verantwortungsgefühl also: „Ja, Verantwortung für das Konzert, für das Publikum, für meine Mitmusiker.“

Andere Nationalklischees lösen sich hier nicht oder nur bedingt ein, etwas in Sachen Bier und Fußball: „Gegen Bier bin ich allergisch, und Fußball sehe ich vielleicht mal bei den Weltmeisterschaften. Wenn schon, muss es das Beste sein.“ Vertrauter fühlt sich Hilary Hahn beim Baseball: „Das habe ich als Kind selbst gespielt. Neulich lief die amerikanische World Series im Fernsehen, das was sehr spannend.“

Das bedeutet dann auch, dass die Musikerin ihr öffentlich angekündigtes Experiment, ein Jahr lang auf Fernsehen zu verzichten, beendet hat. „Ja, das war eine interessante Zeit. Ich habe mich viel mit Podcasts beschäftigt und Radio gehört. Allerdings hatten wir schon zuhause keinen Fernseher, deswegen war es für mich nichts wirklich Neues.“

Wenn es um persönliche Dinge geht, ist Hilary Hahn prinzipiell sehr offen, wie man übrigens auch ihrer bemerkenswerten Homepage entnehmen kann. Wenn es auch Grenzen gibt: Dass sie in New York lebt, mag die Violinistin noch erzählen, in Hinblick auf die genaueren Lebensumstände wird sie schon einsilbiger, um die Frage nach einer Partnerschaft freundlich, aber bestimmt mit „Das ist privat“ abzublocken.

Dafür erzählt sie freimütig von allen möglichen Angewohnheiten, zum Beispiel die Leidenschaft für das Kochen auch während der Tournee. Spezialität? „Suppen.“ Was für welche? „Am besten alles reinschmeißen“, sagt Hilary Hahn und lässt ihr sehr mädchenhaftes Lächeln aufblitzen. Dann bliebe ja vorerst nur noch eines zu klären: Frönt der Star immer noch der mehrfach eingestandenen Eigenart, in Hotelzimmern gern munter auf dem Bett herumzuspringen? „Zuletzt nicht mehr so.“ Kleine Pause. „Könnte man mal wieder anfangen.“

Für das heutige Konzert im Großen Sendesaal des NDR gibt es noch Restkarten unter Tel. 0511 / 988-2992

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