Memoiren statt Geschichte: Theaterkritiker Rüdiger Schaper blickt zurück auf seine größten Momente

Tauchstunde in der Ursuppe des Spektakels

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Bremen - Von Johannes Bruggaier. Eine Geschichte des Theaters „von Schlingensief bis Aischylos“: Das hört sich gut an. Denn für gewöhnlich neigen Geschichtsschreiber ja zu chronologischer Erzählweise. Schlingensief aber, so viel ist unstrittig, lebte ein paar Jahrtausende später als Aischylos, weshalb die jetzt im Siedler-Verlag erschienene Theatergeschichte „Spektakel“ von Rüdiger Schaper ihrem Untertitel nach eine reichlich unorthodoxe Methode verspricht: das Theater rückwärts zu erklären, mit dem Urvater des abendländischen Schauspiels als Zielpunkt einer im Heute verankerten Entwicklung. - Von Johannes Bruggaier.

Doch dem vollmundigen Versprechen auf dem Buchcover folgt eine verdächtig unbestimmt übertitelte Einleitung. Von einem „Labyrinth“ ist nun plötzlich die Rede, was sich freilich ganz anders anhört als „Geschichte“. Zu allem Überdruss bekundet der Autor, er wolle ausschließlich über Aufführungen und Theatermenschen schreiben, die ihn persönlich „tief bewegt, verändert haben“. Dem nicht genug lässt der Verfasser keinen Zweifel daran, dass diese bewusst subjektive Selektion einem tief empfundenen Kulturpessimismus entspringt. Die besten Theaterkünstler seien gegangen, glaubt er, das heutige Theater trete mit den „ersten und letzten Dingen kaum mehr in Kontakt“.

Nein, dieses Werk befasst sich nicht mit der Geschichte des Theaters, zumindest nicht in einem Maß, das diese Begriffswahl rechtfertigen könnte. Und es endet auch nicht bei Aischylos: ziemlich frech, dieser Buchtitel. Stattdessen handelt es sich um eine zutiefst persönliche Rückschau auf große Theaterabende, groß für Rüdiger Schaper, Feuilletonchef des Berliner „Tagesspiegel“.

Schlingensiefs „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ war großartig, weil es für „Theater im Endstadium und in der Frühphase“ stand, für ein „Eintauchen in die Ursuppe, aus der dies alles einmal entstanden sein muss, als der Opferaltar die einzige Bühne abgab“. Konkreter wird‘s nicht. Jürgen Goschs hochgelobte Inszenierung von Tschechows „Die Möwe“ gefiel dem Autor, weil dort „Menschen von heute“ auf der Bühne standen. Was natürlich (Globalisierung!) bedeutet: „Keine Zeit, kein Geld, keine Ruhe!“ Und an Robert Wilson schätzt er „seine Sprechweise, sein denkendes Formulieren, seine plastische Diktion“.

Schaper selbst will solch plastische Diktion nicht gelingen, vielmehr deckt der von ihm gepflegte schwülstige Duktus argumentative Unschärfen zu. Wird der Autor doch einmal präzise, erweisen sich seine Behauptungen als gewagt. Dann ist zu lernen, dass Frank Castorf seine Popsong-Einspielungen „von Quentin Tarantinos Kino abgeschaut“ habe, und dass Pop selbst zu definieren sei als „das mehr oder weniger gelungene Experiment, die Zeit anzuhalten“. Wer nach Argumenten oder zumindest Bezugsquellen zu solchen Thesen recherchieren möchte, sucht nach einem Kommentarteil ebenso vergebens wie nach einem Literaturverzeichnis.

Die Grundidee der Rückwärtserzählung schrumpft zur kühnen These, dass Theater in der Antike „bärtig geboren“ worden sei und bis heute eine stetige Verjüngung vollzogen habe. Dieser Prozess ist für Schaper mal konstant verlaufen, mal wiederum wurde er von Wiedergeburten durchbrochen, je nachdem, wie es gerade am besten passt. Zitat: „Wir sehen, dass das Theater weitergeht, in die Adoleszenz springt, während es einen seiner unendlich vielen Tode stirbt und nachher frischer herauskommt.“ Nun ja.

Unangenehm fällt auf, wie der Autor sein persönliches Verhältnis zu namhaften Regisseuren und Schauspielern inszeniert. Robert Wilson, Donnerwetter, hat ihn ganz selbstverständlich in seinem New Yorker Wohnhaus empfangen, mit tiefgründigen Gesprächen nachts auf dem Balkon. Und wenn es eines Zitats von Christoph Schlingensief bedarf, werden in betonter Lässigkeit vertrauliche SMS-Nachrichten aus dem Ärmel geschüttelt, die der Meister dem mutmaßlich hoch geschätzten Kritiker einst aufs Mobiltelefon geschickt hat.

In theaterhistorischer Hinsicht liegt derweil vieles im Argen. Weshalb aus der antiken Dramatik lediglich die Werke von Aischylos, Sophokles und Euripides überliefert sind, weiß Schaper anscheinend nicht – der Name Lykurg bleibt jedenfalls ebenso unerwähnt wie die von ihm eigens für die Nachwelt erstellten Staatsexemplare. Und die Menschen im Mittelalter, lässt Schaper den Leser wissen, hätten „die herrlichsten Dinge“ erschaffen: „aber eben kein Theater.“

Das sehen wissenschaftliche Standardwerke seit geraumer Zeit anders. So ist Erika Fischer-Lichtes „Kurzer Geschichte des deutschen Theaters“, zu entnehmen, dass Theater „im Mittelalter überall in Europa integrierender Bestandteil der städtischen Festkultur“ war. Die Bedeutung der mittelalterlichen Fasnachtsspiele wie auch der kirchlichen Schauspieltraditionen ist unbestritten, zumal sich mit Goethes „Faust“ ein nicht ganz unbedeutendes Werk der Literaturgeschichte auf sie bezieht.

Es gibt auch interessante Stellen in diesem Buch, etwa eine durchaus ausdrucksstarke Beschreibung der Passionsfestspiele in Oberammergau mit einem bedenkenswerten Vergleich von Christusfigur und König Ödipus. Doch es sind zu wenige solcher Reflexionen, die über Fragen des persönlichen Geschmacks hinausreichen.

Über das Theater gibt es nicht viel zu lernen in dieser „Geschichte des Theaters“. Hinter die Kulissen lässt sie uns trotzdem schauen: Es ist ein exemplarischer Blick auf den Zustand deutscher Theaterkritik.

Rüdiger Schaper: „Spektakel – Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos“, Siedler Verlag: München 2014; 352 Seiten; 24,99 Euro.

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