Melanie Jame Wolf erklärt den Lapdance

Ökonomie der Aufmerksamkeit

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Nicht zu fassen: „Mira Fuchs“. 

Bremen - Von Rolf Stein. Was würden Sie erwarten, wenn eine Veranstaltung mit der Einsortierung „erotischer Tanz“ auf dem Programm steht? Ausverkauft? Klar: Sex sells. Ein vorwiegend männliches, älteres Publikum? Wahrscheinlich.

Das Gastspiel von Melanie Jame Wolf am Donnerstag und Sonntag in der Bremer Schwankhalle entsprach diesen Erwartungen nur zum Teil. Zwar waren beide Vorstellungen ausverkauft. Aber das Publikum war ganz überwiegend jung und weiblich. „Mira Fuchs“, so der Titel des Stücks, das es zu sehen gab, ist dann auch viel mehr ein Theaterabend über den erotischen Tanz als die Sache selbst. Wobei allerdings jeder Zuschauer die Erfahrung eines „Lapdance“ machen konnte (sofern er oder sie das wollte). Diese Form des Tanzes, die im Englischen auch Kontakttanz genannt wird, kommt aus der „Rotlicht“-Welt, in der Wolf acht Jahre als Stripperin gearbeitet hat.

Ein Theaterabend über diese spezifische Form der Unterhaltung könnte unterschiedliche Bedürfnisse wecken: Voyeurismus wohl, vielleicht auch einfach nur die Neugierde, einen Einblick in eine Welt zu erhalten, in die sich manche Menschen nicht hineinwagen mögen. Wobei dafür wahrscheinlich auch ein paar Stunden auf Youtube ausreichten – wobei dieser Abend auch in dieser Hinsicht höchst lehrreich ist.

Dass „Mira Fuchs“ unter anderem schon in München im Rahmen eines feministischen Theaterfestivals in München zu sehen war, deutet schon an, dass es um mehr geht. Allerdings: Wer da etwa eine schonungslose Abrechnung mit Sexismus und Patriarchat erwartet, wird enttäuscht. Wolfs Arbeit entfaltet vielmehr in Praxis, Theorie und biografischen Anmerkungen einen sehr präzisen, durchaus humorvollen Blick nicht nur auf das recht profane Geschäft mit dem Begehren, sondern auch auf die permanent neu auszuhandelnden Verhältnisse zwischen der professionellen Tänzerin und ihrem jeweiligen Gegenüber.

Wolf, die sich gleich zu Beginn ihrer Performance aller Hüllen entledigt, um sich dann in einem hautfarbenen Catsuit und auf hohen Absätzen an die Arbeit zu machen, entfaltet mit und in ihren reihum gegebenen Kontakttänzen auch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Einerseits geht es um Dienstleistung und für die Dienstleisterin – natürlich – um bezahlte Arbeit. Die aber nur funktioniert, wenn dabei zumindest die Illusion von Aufmerksamkeit entsteht. Und – gespielt oder nicht – diese Arbeit muss bei aller Routine immer wieder neu und auf den Punkt geleistet werden, woraus sich ein fragiles Gleichgewicht von Unikat und serienmäßig hergestelltem Produkt – Wolf rechnet vor, dass sie im Laufe ihrer Stripper-Karriere wohl rund 300 000 Kontakttänze absolviert hat – ergibt.

Was in abstrakten Begriffen unwahrscheinlich – zumindest schwierig – klingen mag, gelingt Wolf praktisch – zumindest scheinbar – mit großer Leichtigkeit. Weshalb es nicht überrascht, wenn sie im anschließenden Publikumsgespräch erklärt, dass ihre Zeit als Stripperin auch eine großartige Schule war.

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