Mit „Das kalte Jahr“ hat der Bremer Förderpreisträger Roman Ehrlich einen kleinen leisen Katastrophenroman geschrieben

Melancholie in Zeiten des Klimawandels

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Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Tim SchomackerZu den leisesten Formen, die eine künstlerisch gestaltete Katastrophe annehmen kann, gehört die Erstarrung.

Der Winter, der Roman Ehrlichs in diesem Jahr mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichneten Debütroman beherrscht, ist von eigentümlicher Absolutheit. Kälte treibt Menschen in ihre Behausungen, Schnee schluckt Geräusche und Gerüche, verwischt Konturen. Und man weiß lange nicht, ob sich Wetter- und Gemütslagen je wieder ändern.

Der 1983 im bayerischen Aichach geborene Ehrlich beschreibt dieses kleine Weltende aus der Perspektive eines jüngeren Mannes, der winters die große Stadt verlässt, um zu Fuß zum Ort seiner Kindheit zu gelangen, einer Ortschaft an der Küste. „Es war kein lange vorher gefasster Entschluss. Ich konnte einfach plötzlich nicht mehr in meiner Wohnung bleiben, in meiner Straße, dem Viertel“, heißt es lapidar zur Motivlage. Als der Wind wenige Seiten später „weiterhin stark über die vor mir liegende Landschaft“ bläst, ist der vage Bürojob längst in der Vergessenheit der Vorgeschichte verschwunden. Gegen Wind und Kälte anstapfend, schult Ehrlichs Hauptfigur seinen Blick als teilnahmsloser Beobachter. Er betrachtet Felder und Fußgängerwege, Holzschuppen und Hinweisschilder, Autobahnabschnitte und die klar konturierte Anonymität ihrer Raststätten. Vieles davon ist banal, entsteht aber im Blick des Erzählers auf unerhörte und ungesehene Weise neu. So wie die Kornfelder, auf deren Luftaufnahme er in einer Zeitung stößt. Sie sehen aus wie eine Collage aus abstrakten Formen. Wir Lesenden sehen die Abbildung auch. Auf Seite 23. Zwischen zwei Textabschnitten. Und als erste von knapp zwanzig optischen Textunterbrechungen. Meist Fotos, gelegentlich auch Schaugrafiken, Zeichnungen und faksimilierte Zeitungsüberschriften. Irgendwann gelangt er zum Meer, wo er in der Nähe eines vormaligen militärischen Sperrgebiets das Haus seiner Eltern findet.

Darin trifft er allerdings nicht seine Eltern, sondern einen kleinen Jungen, der ebenso heißt wie er selbst, Richard. Richard, der ältere, hat mit dem äußerlich unversehrten Kindheitsort eine tarkowskiartig irreale Zone betreten. Und sich in der ebenso klaglosen wie verwunderungsarmen Weise, wie er die Anwesenheit von Richard, dem jüngeren, und die Abwesenheit der Eltern akzeptiert, als Bewohner dieser Zone ausgewiesen.

Der doppelte Richard lebt fortan zusammen. Der jüngere begleitet den älteren mit blauer Bommelmütze auf Spaziergängen durch den Ort und kruschelt geheimnisvoll im früheren Kinderzimmer des Erzählers herum. Der ältere dankt dem Kind die eigenartige Gemeinschaft, indem er Besorgungen macht (der Einkaufszettel des Kleinen addiert sich vage zur Materialiste einer Rohrbombe). Vor allem aber, indem er Geschichten erzählt. In der Logik Alexander Kluges Basisgeschichten nicht unähnlich, in der Form eher ein wenig an die souveränen Blockumfahrungen David Foster Wallace‘ erinnernd, häuft Richard Lebensläufe vor seinem Namensvetter auf. Von bekannten Personen wie Robert Louis Stevenson und unbekannteren wie dem durch einen Großstadtbrand zum Stararchitekten gewordenen Chicagoer Kantorssohn Dankmar Adler oder dem radikalen amerikanischen Holzarbeitergewerkschafter Louis Link.

Dass diese Geschichten sich so wenig eindeutig ins Gesamtbild fügen wie die clipartigen Nacherzählungen von Fernsehmomenten, trägt zum unheimlichen Gesamteindruck des Buches bei. Schön Ehrlichs Einfall, Richard in einem kleinen Elektrofachmarkt eine Anstellung zu besorgen. Zur Reparatur gänzlich ungeeignet, ist seine Aufgabe, das aktuelle Fernsehprogramm ausschnittweise auf Videokassetten zu überspielen, mit denen die von der Übertragung abgeschnittenen Normalhaushalte am Folgetag die vergangenen TV-Stunden anschauen können. Im Abonnement.

Roman Ehrlich: Das kalte Jahr. 250 Seiten. Dumont Verlag 2013. 19,99 Euro.

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