Der ungarische Regisseur Béla Tarr erhält den Bremer Filmpreis – mit dem Filmemachen hat er bereits aufgehört

Melancholie in Schwarz-Weiß

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Béla Tarr ·

Bremen - Von Tim Schomacker. Durch ein Fenster sieht man Menschen von einem Schiff gehen und in eine Eisenbahn steigen. Gefilmt in langsamer Fahrt durch schmutzige Scheiben. Durch ein anderes Fenster sieht man den Sturm über karger Landschaft.

In nahezu starrer Einstellung ist jemand von hinten zu sehen, der durch ein Fenster lange auf einen industriellen Sessellift schaut, von dem man nicht weiß, ob seine dauerhafte Bewegung überhaupt noch einen Nutzen hat.

Karge Landschaften, lange Einstellungen, der Blick durch Fenster. Sie kommen fast immer vor in den Filmen des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, der gestern den 15. Bremer Filmpreis erhielt. Ein starkes Bild für ein allgegenwärtiges Außen, sagt Tarr, dem der Mensch stets allein gegenüberstehe. Melancholie ist bei ihm etwas physisch Präsentes. Er erzählt vom „großen Umsonst“ menschlicher Existenz, wie der Melancholie-Theoretiker Ulrich Horstmann einmal gesagt hat. Wenn Béla Tarr über seine Filme redet, hat man den Eindruck, die Story sei das, was ihn am allerwenigsten interessiert. „Ein Film ist für mich nicht die Story, nicht einmal die Sprache, die die Figuren sprechen“, sagt der 57-Jährige. „In 34 Jahren habe ich meine eigene Sprache gefunden, die des Films.“

Mitte der 1970er begann dieses eigensinnige Denken in Bildern. Tarr drehte mit „Family Nest“ seinen ersten Film, begann an der Budapester Hochschule für Theater und Film zu studieren. Im folgenden Jahrzehnt arbeitete er seinen filmästhetischen Zugang heraus. 1994 gelang mit dem vielstündigen „Sátántangó“ der internationale Durchbruch. Unhinterfragt blieb das Schwarz-Weiß seiner Filmbilder. „Für mich enthält das Schwarz-Weiß viel mehr Farben als der herkömmliche Farbfilm“, sagt Tarr. „Bei einem Schwarz-Weiß-Bild sieht man gleich: Das hat jemand gemacht, das ist nicht die Wirklichkeit! Diese unglaublich breite Skala von Grautönen erlaubt es mir, eine Vielzahl von Emotionen und Konstellationen darzustellen.“ Die Zeit und der Raum kämen beim Filmemachen oft zu kurz, erklärt Tarr. „Zugleich habe ich Schnitt für Schnitt, Film für Film verstanden, die Probleme der Menschen sind nicht nur soziale. Das geht viel tiefer.“

Mit seinem letzten Film, „Das Turiner Pferd“, aus dem vergangenen Jahr, schließt sich für den Regisseur ein Kreis. Der Fokus auf Elementares – Erde, Regen, Wind, Körper, Licht – das sich spätestens ab „Kárhozat / Verdammnis“ (1988) zu poetischen Landschaften zusammenbaute, findet sich hier ein weiteres Mal verdichtet. Ein alter Mann, seine Tochter, sein Pferd, eine Steinhütte, ein Feld. Bereits vor Beginn der Dreharbeiten verkündete Béla Tarr, dies werde sein unwiderruflich letzter Film.

Mit der gegenwärtigen Entwicklung in Ungarn habe diese Entscheidung nichts zu tun. Wie seine Filme komme auch sie allein aus ihm selbst. Was nicht bedeutet, dass Tarr, der heute in Sarajewo lebt, den Rechtsruck auf sich beruhen lässt. „Es geht um den nationalistischen Versuch, eine ‚neue ungarische Kultur‘ zu etablieren. Wegen der Verantwortung den Menschen gegenüber kann man als Künstler zu so etwas nur auf Distanz gehen.“ Die Regierung Orban habe die ungarische Filmproduktion gestoppt, „sie haben das demokratische System der Filmförderung diskreditiert und jemanden zum obersten Filmbeauftragten gemacht, der ‚Rambo‘ produziert hat. Mehr muss man dazu nicht sagen.“

In Sarajewo startet Béla Tarr in diesem Jahr mit seiner ersten großen nach-filmischen Unternehmung, einer Art Filmschule. „Ich will da nicht Film lehren. Ich will jungen Leuten, die mit Film arbeiten wollen einen Schirm über den Kopf halten, damit sie keine Angst haben müssen, damit sie weitermachen. Das ist eher als ein Laboratorium gedacht.“ Eines mit Besuchen von Größen wie Aki Kaurismäki oder Jim Jarmusch, Tarrs Freunden. „Sarajewo ist eine kraftvolle, multikulturelle Stadt“, sagt er. „Eine sehr junge Stadt. Meine Generation fehlt wegen des Krieges fast vollständig.“ Für jemanden, dessen Filmsprache stets davon ausging, dass der Film „nur mit ganz konkreten Dingen“ umgehen kann, wenig verwunderlich, dass er sich freut, „dort echtes Gemüse zu bekommen, kein holländisches Plastik.“ Außerdem, sagt Tarr, und lächelt zum ersten Mal deutlich, dürfe man in Sarajewo noch drinnen rauchen. Und dabei aus dem Fenster schauen.

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