Rainald Grebe gibt sein „Elfenbeinkonzert“

Meister des höheren Unfugs

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Stimmstarker Sänger und kompetenter Pianist: Rainald Grebe. 

Hannover - Von Jörg Worat. Dagmar Berghoff und die Fantastischen Vier, Städteslogans und der Struwwelpeter, Reimschemata und Mittelaltermärkte: kaum ersichtlich, was diese Themen miteinander zu tun haben? Das ficht Rainald Grebe nicht an – in seinem neuen Soloprogramm „Das Elfenbeinkonzert“ zieht der Schauspieler, Autor und Kabarettist alle Register. Im Schauspielhaus sorgt er damit für volle Sitzreihen und überschäumende Begeisterung.

Der turbulente Abend war eine Art Schlusspunkt, hat Grebe doch in den vergangenen drei Jahren für das hannoversche Staatsschauspiel die zumindest streckenweise sehr charmante „Anadigi“-Trilogie über das Analoge, das Digitale und die Zwischenwelten entworfen. Nun gab es zur Krönung ein großes Festival mit zahlreichen kleinen Veranstaltungen, etwa der temporären Einrichtung eines Technik-Museums, in dem Klassiker wie das legendäre Computer-Pingpong oder auch „Senso“ gewürdigt wurden, und dem durchgeknallten Konzert als Finale.

Auch hier geht es teilweise um technische Entwicklungen, lustvoll verteilt Grebe etwa Seitenhiebe gegen Internet-Phänomene wie Snapchat oder Musical.ly. Doch, siehe oben, Beschränkungen schätzt der Entertainer nicht sonderlich – bezeichnend insofern sein Lied über die Unlust, sich durch festgelegte Zuordnungen eingrenzen zu lassen, seien sie parteipolitischer oder privater Natur.

Das ist einer der ernsthafteren Momente, von denen es in diesen drei Stunden vergleichsweise wenige gibt. Höherer Unfug ist freilich fraglos auch eine Kunst, und diesbezüglich erweist sich Grebe als Meister seiner Fachs. So stellt er einen schrägen Song über die Unterschiede zwischen Morgen- und Abendland mit einleuchtenden Gegenüberstellungen wie „Sesam öffne dich“ und „Schlüsseldienst“ vor. Besungen werden ferner „Ghettoblaster-Dirk“ und „Fred, der Asket“. Ein Lied über Kids und ihre Spielzeuge driftet in die eigenwillige Idee, ein „Kinderbergwerk“ zu errichten. Endgültig dreht Grebe dann ab, als er in seinen sonderbaren Reflexionen über die Historie des Struwwelpeters unter anderem ein „Schneider-Darknet“ beschwört, dessen Mitglieder angeblich regelmäßig über das Abtrennen von Fingern unter besonderer Berücksichtigung der Daumen debattieren.

Und warum „Das Elfenbeinkonzert“? Den Titel erklärte Grebe mit einer Einladung des Goethe-Instituts: Demnach sollte er vor einiger Zeit einen Volksmusik-Workshop in der Elfenbeinküste leiten. Entsprechende Filmeinspielungen von Titeln wie „Atemlos“ oder dem eigenen Hit „Brandenburg“ wirken einigermaßen kurios.

Das alles käme weit weniger zur Geltung, wäre Grebe nicht ein stimmstarker Sänger und kompetenter Pianist. Er beherrscht auch souverän alle Bühnenmittel, bindet ein Rhythmusgerät und diverse Projektionen ein, animiert das Publikum – wer wollte nicht immer schon lauthals Zeilen wie „Palmöl aus Malmö“ rufen – und findet zwischendurch immer mal Zeit für ein paar Frotzeleien mit dem Techniker.

Vielleicht sogar ein bisschen übervoll, dieses Programm, mit dem Grebe in den kommenden Monaten die Republik bereisen wird. In Hannover muss man übrigens künftig nicht gänzlich auf seinen speziellen Humor verzichten – „Das Anadigiding III: Die Welt von morgen“ soll zumindest im Spielplan bleiben.

Termine im Internet: alexia-agathos.de/termine/rainald-grebe

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