Vom Preis der Freiheit: Peter Maxwell Davies‘ Oper „Kommilitonen!“ am Stadttheater Bremerhaven

Mein Vater, der Klassenfeind

+
Einfach, aber sinnfällig: Das Stadttheater hisst die rote Fahne. ·

Von Wolfgang DenkerBREMERHAVEN · Eigentlich wollte Peter Maxwell Davies (*1934) keine Oper mehr schreiben, aber die Studenten der Royal Academy of Music in London konnten ihn doch überreden.

„Aber es muss von Studenten handeln“, beschied der Komponist. David Pountney schrieb ihm das Libretto zu seinem neuesten, vor drei Jahren in London uraufgeführten Werk: „Kommilitonen!“ („Young Blood“). Es verarbeitet drei historische Ereignisse. Der farbige Amerikaner James Meredith durfte zwar in der Armee dienen, aber ein Studium an der University of Mississippi wurde ihm verweigert. Dieses Recht erklagte er sich 1962, sodass er als erster Schwarzer eine „weiße“ Universität besuchen konnte.

Das Schicksal der Geschwister Sophie und Hans Scholl, die mit Flugblättern Widerstand gegen das Hitler-Regime leisteten, ist bekannt. Die dritte Episode spielt in China zur Zeit der Kulturrevolution. Die Geschwister Wu und Li müssen erleben, wie ihre Eltern als „Klassenfeinde“ ermordet werden, schließen sich aber, einfach um zu überleben, den Roten Garden an.

Das Stadttheater Bremerhaven hat das 90-minütige Werk als zweite deutsche Bühne (nach Gießen) in den Spielplan genommen. Die Regie des Bremerhavener Intendanten Ulrich Mokrusch ist sehr eindrucksvoll ausgefallen und eröffnet ungewohnte Sichtweisen. Das Publikum ist hautnah am Geschehen dran. Es sitzt auf der hinteren Bühne, während zwischen dem Publikum und dem auf dem abgedeckten Graben postierten Orchester agiert wird.

Die Handlungsstränge werden nicht nacheinander abgearbeitet, sondern verschränken und verschachteln sich ineinander. James Meredith erzählt dabei nicht nur seine eigene Geschichte, sondern verbindet die 28 Einzelszenen wie eine Art Moderator. Trotz der Sprünge von Geschichte zu Geschichte wirkt das Werk wie aus einem Guss. Die bindende Klammer, nämlich der Protest gegen Rassenwahn, der Kampf gegen Unterdrückung und der unbändige Wusch nach Freiheit ist diesen studentischen Bewegungen gemeinsam. Und die Haltung der chinesischen Studenten, denen das Unrecht durchaus bewusst ist, die aber den Weg der resignierenden Anpassung wählen, wird als eine Möglichkeit gezeigt, mit den Gegebenheiten umzugehen.

Mokruschs Mittel der Inszenierung sind einfach, aber sehr sinnfällig. „Nieder mit Hitler“ oder „Mein Vater ist ein Klassenfeind“ wird da auf eine Folie gepinselt. Und vom Rang wird eine überdimensionale rote Fahne abgerollt. Der Chor marschiert demonstrativ mit Mao-Bibeln über die Bühne oder zieht sich die Kapuzen des Ku-Klux-Klans über. Und vom Bühnenturm flattern die Flugblätter der Scholl-Geschwister herunter.

Viel Symbolkräftiges ist enthalten. So wird eine Kopiermaschine als stärkste Waffe gepriesen und die Gruppe um die Scholl-Geschwister liest Passagen aus Dostojewskis „Der Großinquisitor“, in denen Jesus vor Gericht gestellt wird. Sehr bedrohlich und bedrückend zeigt Mokrusch die Ermordung von Wus Eltern, die brutal niedergeknüppelt werden, hier nur als Schattenriss zu sehen.

Am Ende wird eine spiegelnde Wand heruntergefahren, in der sich das Publikum sieht und die die Frage nach dem eigenen Verhalten aufwirft. Welchen Preis sind wir für die Freiheit bereit zu zahlen?

Mit den wechselnden Schauplätzen ändert sich auch der Charakter der Musik von Peter Maxwell Davies, ohne dabei den Eindruck einer in sich geschlossenen Komposition zu verletzen. Diese Musik ist sehr gut hörbar und greift auf Anleihen bei der Klassik, auf die Pentatonik der chinesischen Musik und auf Gospelklänge zurück. Der Orchestersatz ist teilweise sehr wuchtig, teilweise sehr zart und von tiefer Trauer durchzogen. Stephan Tetzlaff und dem Städtischen Orchester ist da eine klangvolle und berührende Lesart gelungen.

Kommende Vorstellungen: am 17. April um 19.30 Uhr sowie am 27. April um 14 und 17 Uhr im Stadttheater Bremerhaven.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid

Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz: CDU vor Richtungsentscheid

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G

Furcht vor Huawei: Trump macht Indien Druck beim Thema 5G

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Karneval in Stolzenau: Prunksitzung 2020

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Anonyme Drohung an Göttinger Hainberg-Gymnasium: Polizei im Großeinsatz

Meistgelesene Artikel

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Der zweite Blick

Der zweite Blick

Zur Entspannung etwas Mozart

Zur Entspannung etwas Mozart

Kommentare