INTERVIEW Alexander Kluge über den „Russland-Kontainer“

„Mehr Viren als Sterne am Himmel“

Ein Kosmos an Geschichten: Alexander Kluge. Foto: Markus Kirchgessner

London/München - Von Volker Gebhart. Wieso entzündet sich die Kunst an Gegensätzen, und was lernen wir aus dem Erzählen über die Fremde? Alexander Kluge spricht im Interview über sein neues Buch „Russland-Kontainer“. Der 88-jährige Schriftsteller, Filmemacher und TV-Produzent berichtet zudem über seine Freundschaft zu Rainer Werner Fassbinder, darüber wie ihn Theodor W. Adorno von der Literatur abbringen wollte, und warum ihm die Coronaviren wie Außerirdische vorkommen.

Herr Kluge, Sie haben „Russland-Kontainer“ auf Schloss Elmau in einem Tal am Fuß des Wettersteingebirges geschrieben. Welche Rolle spielt dieser Ort für Ihre Arbeit?

Seit 30 Jahren besuchen meine Familie und ich diesen recht glücklichen landschaftlichen Ort. Ich arbeite da sehr viel, auch weil ich dort vom Telefon ungestört bin. Für dieses Buch musste ich mich auf etwas konzentrieren, das ich nicht wirklich kenne. Ich bin ja kein Russe, sondern ein Fremder und habe mit den Augen meiner Schwester, einer Russland-Liebhaberin, geschrieben. Ich arbeite über sehr viele Missverständnisse hinweg.

Der Dramatiker Heiner Müller vertrat die Ansicht, dass man ein besseres Verständnis von der persönlichen Verwirrung und Erfahrung im eigenen Land entwickeln kann, indem man von einem fremden Land erzählt. In diesem Fall Russland.

Ich glaube, dass das ganz richtig ist, was er sagt. Wenn Sie zwei Karten übereinanderlegen, die nicht zueinander passen, und mit einer Straßenkarte von London den Harz durchwandern, also Crossmapping betreiben, stellen Sie durch Irrtum fest, wonach Sie suchen müssen. Sie werden dabei wahrscheinlich in irgendeine Kuhle fallen, denn der Harz gehorcht ja dieser Karte nicht. Das wird eine unmittelbare Erfahrung sein. Und die unmittelbare Erfahrung ist das beste, was der Mensch hat. So etwa geht der etwas extreme poetische Gedanke bei Müller. Dieser besagt, dass Sie durch etwas Fremdes etwas lernen und zu sich selbst kommen.

Im „Russland-Kontainer“ stößt der Leser auf einen ganzen Kosmos an Geschichten – von der Mücke vor Ihrem Fenster über den letzten Akt der Oper „Chowanschtschina“ von Mussorgski bis zu deren neuerlicher Aufführung, die 43 Jahre später fern von Russland in Stuttgart dem Publikum den Appetit verdirbt. Wie bringen Sie diese Elemente zusammen?

Das ist so ähnlich als wenn man mit Musik arbeitet, und entscheidet: Hier kommt C-Dur hin, dann moduliere ich das zu as-Moll und so weiter. Dabei beachtet man die Zusammenhänge, die es gibt in der Musik, und fügt sie immer wieder neu zusammen. Das geht mit Gedanken und Beobachtungen genauso.

Sie haben 1977/78 für den Film „Deutschland im Herbst“ an einer Montage gearbeitet. Damals mit verschiedenen anderen Regisseuren, darunter Rainer Werner Fassbinder. Sie beide waren auch befreundet. Wie war die Zusammenarbeit und Verbindung mit ihm?

Die Verbindung war brüderlich. Ich verstehe sehr genau, was er macht. Er versteht ziemlich genau, was ich mache. Wir machen aber trotzdem etwas ganz Gegensätzliches. Er ist ein dramatischer Geist. Er kommt vom Theater und ist ein glänzender Schauspielerführer. Ich bin in mancher Hinsicht das Gegenteil: Bei einem Schauspieler versuche ich es irgendwie so hinzukriegen, dass er gewissermaßen ohne Schauspielkunst im Film auftritt. Wir verstehen uns, weil wir eben Gegensätze darstellen. Fassbinder und ich sind beide Kinder von Eltern, die sich scheiden ließen. Wir planten, einen großen Film zu machen über unsere Eltern, aber dann ist er gestorben. Das ist für mich nach wie vor ein starkes Motiv. Ich hätte meine Eltern gerne wieder zusammengebracht als Kind, denen diese Flausen ausgeredet. Aber als Elfjähriger konnte ich das gar nicht. Darin besteht mein Motiv, mich auszudrücken – und das ist bei Fassbinder genauso. Der ist ein Patriot seines Vaters und seiner Mutter: beide geschieden und spinnefeind. Etwas Fremdes zusammenzu-bringen, damit würden wir uns beide extreme Mühe geben. Und darin besteht auch das Ende seiner Dramatik. Fassbinder würde auch sagen, wenn das der Friedensschluss wäre, dass die Eltern wieder zusammenfinden, und die Poetik wäre sozusagen die Medizin dafür, dann lohnt es sich, Film zu machen. Das haben wir nicht so ausgesprochen, das ist aber der Subtext, warum wir aufeinander vertrauen.

Wie hat sich dieses Vertrauen entwickelt?

Dieser Zustand tritt ein, wenn Sie blindlings zusammenarbeiten und das Richtige tun. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Fassbinders Beitrag für den Film „Deutschland im Herbst“ war 40 Minuten lang. Bei einer Gesamtlänge von 100 Minuten Film, an dem sechs Leute zusammenarbeiten, darunter auch Schlöndorff, war das etwas zu viel. Ich habe mit meiner Cutterin mit einem Stift eingezeichnet, wo wir Kürzungen machen würden. Das konnte Fassbinder nicht sehen. Er kam an den Schneidetisch und hat sich dann erst mal eine Staffel zum Schnupfen gemacht. Er war ja ein bisschen süchtig manchmal, hat sich also in Stimmung gebracht. Dann hat er genau an den Stellen, die wir auch eingezeichnet hatten, den Film zerrissen und mit der Hand gekürzt. Er konnte nicht wissen, dass wir dieselben Stellen meinten.

Sie haben mehr als 50 Filme gedreht und mehr als 1 000 TV-Sendungen realisiert, doch ihre Bücher bezeichnen Sie als Ihr Hauptwerk. Wie haben Sie es da empfunden, dass Theodor W. Adorno versuchte, Sie ausgerechnet von der Literatur abzubringen?

Er hat mich ja nicht davon abgebracht. Er hatte aber den Eindruck, ich bin ja von Haus aus Jurist, dass er meine juristischen Dienste für das Institut für Sozialforschung in Frankfurt sehr gut gebrauchen konnte. Er sagte sich: Warum soll dieser Mann, der wertvolle juristische Arbeit leistet, jetzt Literatur machen, „wenn doch“, das sind seine Worte, „mit Proust die Literatur abgeschlossen ist“. Seine Meinung war, man könnte nichts Neues machen in der Literatur, und diese teile ich aber nicht.

Die Corona-Pandemie hat mich an Ihre Reihe „Abschied von der sicheren Seite des Lebens“ erinnert.

Die Situation wie wir sie jetzt erleben, hätte ich mir nicht vorstellen können. In einer meiner Sendungen heißt es, es gibt mehr Viren auf der Erde als Sterne am Himmel. Das sagt eine Virologin, und die hat vollkommen recht. Es gibt mehr Viren auf Erden als zum Beispiel Sand in der Wüste Gobi, Sahara und anderen angeschlossen Wüsten.

Die Regierungen in Frankreich und Großbritannien bemühen in der gegenwärtigen Lage Kriegsvokabular.

Was einen doch sofort irritiert daran, ist, dass sie ja mit Artillerie, Raketen und allen Waffen, die ich kenne, auch Gewehrkugeln, mit diesem Gegner ja gar nicht zurecht kämen. Sie müssten das Virus verstehen. Was denkbar wäre ist, dass sie den Gegner mit Kräften, die in ihm selbst vorhanden sind, hindern. Auf mich wirken diese neu an uns herangetretenen Viren wie ungeschickte Außerirdische, die mit Menschen nicht hantieren können. Dieses Virus lernt die ganze Zeit. Und zwar sehr schnell. Wenn wir ihn verstehen würden, könnten wir ihn vielleicht sogar lehren, sich anders zu vermehren, als dadurch, dass er uns zerstört.

Lesen:

Alexander Kluge: „Russland-Kontainer“, Suhrkamp-eBook. Die gebundene Ausabe kommt am 15. Juni auf den Markt.

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