Bremer Philharmoniker verzichten auf einen Dirigenten, und unter Rudolf Buchbinders Händen perlt die Wiener Klassik

Mehr Sport als Interpretation

Die Wiener Klassik ist sein ureigenstes Gebiet: Rudolf Buchbinder überzeugte in der Bremer Glocke.

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN · Schlechte Programme sind ärgerlich, gute Programme eigentlich selbstverständlich, aber sehr gute Programme eher selten und deswegen für das Publikum ein großes Glück.

So empfand man es im letzten Abonnementskonzert der Bremer Philharmoniker, in dem der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder sage und schreibe drei Klavierkonzerte spielte, die er zugleich vom Klavierstuhl aus leitete. 1975 hat Buchbinder als 29-Jähriger sämtliche 46 Klaviersonaten von Joseph Haydn eingespielt und in den frühen achtziger Jahren Aufsehen erregt mit acht Konzerten, in denen er sämtliche Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven in mehreren Ländern spielte. Bekannt ist von ihm sein philologisches Interesse und entsprechende Exaktheit, was allerdings nie zum Einsatz des Hammerflügels geführt hat. Trotzdem lässt sich sagen, dass die Wiener Klassik ureigenstes Gebiet ist.

Das hat eine Souveränität zur Folge, die jetzt auch im Konzert beglückend zu hören war: im D-Dur-Konzert von Haydn (1782), im C-Dur Konzert KV 503 (1786) von Mozart und im dritten Klavierkonzert von Beethoven (1800-1803). Die noch immer aufregende „Genieballung“ um diese Zeit in Wien – die etwas später noch ergänzt wurde durch Franz Schubert – rollte sich herrlich vor unseren Ohren ab. Pfiffig und stets für neue, experimentelle Überraschungen gut der Haydn, der noch so ein wenig ins unterhaltende Fürstenmuzisieren gehört – er war ja zu diesem Zeitpunkt auch noch im ungarischen Esterhaz. Ein explosives Selbstbewusstsein im Konzert von Mozart, das er – nach Salzburg – als selbständiger Komponist und Pianist in Wien entwickelte. Und nicht zuletzt der schon revolutionäre Anspruch von Beethoven, der mit seinem pianistischen Können und Komponieren Wien geradezu erstürmte. Er solle – so sein Förderer Graf Waldstein – „Durch ununterbrochenen Fleiß Mozarts Geist aus Haydns Händen erhalten“. In diesem Sinne – der Gemeinsamkeit und der Verschiedenheit der drei übergroßen Komponisten – war das Konzert ein Erlebnis und ein Geschenk.

Die zweite Spannung war der Versuch, das ganze ohne Dirigent zu spielen, so wie es damals auch üblich war. Erstaunlich, wie die Musiker das bewältigten, denn die Zeichen seitens des Pianisten waren minimal. Diese Konzeption hat auch etwas Sportives, weniger zeigte sich ein anderes Ergebnis in der Interpretation. Das war alles gut, zum Teil sehr gut, aber nicht so, dass dem Publikum nun komplett neue Lichter aufgingen, was natürlich bei einem so kammermusikalischen Musizieren auch hätte sein können.

Der Eindruck, den Buchbinder selbst machte, schwankte: unerhört routiniert, in bestem wie in schlechtem Sinn, waren seine Wiedergaben. Da perlte vieles einfach so vor sich hin, da gab es aber auch magische Momente von ihm allein und auch in der Kommunikation mit dem Orchester. Beste, berstende Spannung hatte allein der Schlusssatz des Beethovenkonzertes, womit Ovationen provoziert wurden.

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