Dušan David Parizek inszeniert Georg Büchners „Dantons Tod“ als Revolutionsdrama ohne Revolution

Mehr Schau als Spiel

Kurz vorm Einnicken: Danton (Markus John) und Julie (Ute Hannig).

Von Johannes BruggaierHAMBURG (Eig. Ber.) · Am Hamburger Hauptbahnhof ist die Revolution ausgebrochen. „Die Freiheit ist kein Kinderspiel!“, skandiert ein in schwarzen Mantel gewandeter Redner vom Vordach des Deutschen Schauspielhauses hinab: „Die Freiheit hat nicht…“ Lauter Jubel unterbricht die Ansprache. „Die Freiheit hat nichts mit Chaos zu tun.“ Erneut tobt die Masse.

Der da die Menge mobilisiert heißt Maximilien Robespierre (Lukas Holzhausen): ein kahlköpfiger, biederer junger Mann, der mehr als Bürohengst denn als politischer Redner durchgehen könnte. Rechts neben ihm auf dem Podest steht sein Antipode, Georges Danton (Markus John): langes zurückgegeltes Haar, korpulente Figur, ein Showtyp. Es ist gleichgültig, was der eine oder der andere sagt. Gejubelt wird immer, nämlich aus großen Lautsprechern von einem unsichtbaren Volk. Einen Gewinner gibt es gleichwohl. Allein wegen seiner äußeren Erscheinung gebührt der Lorbeer des Volkes Danton: Ihm würde man eine Waschmaschine abkaufen – nicht dem Buchhalter neben ihm.

Drinnen geht das Duell deutlich leiser vonstatten. Leiser als im Vorspiel an der Kirchenallee, aber auch leiser als in Büchners Text vorgesehen. Kein Spieltisch, keine ausgelassene Party, nur eine leere Bühne und hinten diagonal postiert eine Holzwand: exakt die selbe, die schon Dušan David Parizeks „Kabale und Liebe“-Produktion illustrierte. An der Rampe sitzen drei Juppies: Danton und Camille Demoulins (Alexsandar Radenkovic) mit lässig geöffnetem Hemdkragen, neben ihnen Julie (Ute Hannig) in legerem Bürokostüm.

„Glaubst du an mich?“, fragt sie. „Was weiß ich?“ antwortet Danton. „Du kennst mich Danton“, erwidert Julie. „Ja“, sagt der gelangweilt: „Was man so kennen heißt.“

Bei Büchner wird diese Unterhaltung von einem Kartenspiel begleitet: ein Umstand, der den belanglos erscheinenden Sätzen einen doppelten Sinn verleiht. Parizek hingegen lässt den Dialog ins Drama hineinplätschern, als gleichgültiger Small-Talk nach Feierabend.

Überhaupt wird in Hamburg viel im Sitzen und im Stehen parliert, dafür umso weniger gehandelt. Robespierre unterhält sich mit zwei Bürgern (Michael Prelle als Simon und Irene Kugler als dessen Frau) über die Ziele der Revolution. Marion hält regungslos verharrend ihren Monolog, während Danton sie von hinten umfasst. Später sitzen Danton und Robespierre gemeinsam: der eine links an der Wand der andere rechts auf dem Boden – müde, gelangweilt von einer Revolution redend, die allem Anschein nach längst ihre Kraft verloren hat. Diese Revolution frisst nicht ihre Kinder, diese Revolution ist bereits satt. Weil sie sich selbst aufgefressen hat.

Zwei Stunden dauert diese Revolte, die keine mehr ist, und selten mutete dieser Zeitraum so lang an. Unendlich zäh schleppt sich der Abend durch das handlungsarme Regiekonzept, kommt er zwischenzeitlich gar vollends zum Stillstand: dann, wenn Luciles (Julia Nachtmann) Abschiedskuss für Camille unerklärlicher Weise kein Ende finden will.

Lässt sich Parizek dann doch einmal zu szenischen Elementen hinreißen, geraten diese ihm auch noch didaktisch. Dantons Begegnung mit der Hure Marion wird heimlich gefilmt, die Aufnahmen im Rahmen des Verhörs später dem Konvent vorgeführt – die Stasi lässt grüßen. Und als es zur Begegnung der so gegensätzlichen Revolutionsführer kommt, zeigt Danton dem prüden Gegenspieler Robespierre sein Geschlechtsteil: damit auch der Letzte den Gegensatz von Lebenslust und Tugendhaftigkeit begreift. Ruth Berghaus hatte es hier in den achtziger Jahren immerhin noch bei einem Kuss bewenden lassen.

In einem Schauspiel, das mehr Schau als Spiel ist, lassen sich spielerische Leistungen kaum würdigen. Vielleicht hat Lukas Holzhausen die Regie-Vorgabe, einen bürokratischen Robespierre zu zeichnen, allzu beherzt umgesetzt. Gut möglich auch, dass Markus John mit seinen gelegentlichen Temperamentsausbrüchen den kollektiven Theaterschlaf gerade noch verhindert.

Bei Büchner nimmt Julie am Ende Gift. Bei Parizek schneidet ihr Lucile mit einer Glasscherbe die Kehle durch. Warum? Verstehen wir nicht. Keine Patrouille betritt daraufhin die Szene, sondern Robespierre. „Es lebe der König“, ruft Lucile, dem Revolutionsführer mit auffordernder Geste die Scherbe reichend. Doch der sucht eilig das Weite. Weshalb? Keine Ahnung. „Dantons Tod“: In Hamburg scheitert die Revolution gleich hinter dem Hauptbahnhof.

Weitere Vorstellungen: am 23. und 29. Oktober sowie am 6. November, jeweils um 20 Uhr im Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

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