Mehr als nur Salatöl: Sprengel Museum zeigt Plakate aus seiner Sammlung

Die Frisur sitzt

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Fast schon ein Cartoon und bis in das kommende Jahr im Sprengel Museum in Hannover ausgestellt: Joaquín Xaudaró, „Los Artistas“, 1897.

Hannover - Von Jörg Worat. Kunst kann einen hohen Unterhaltungswert haben: Das beweist die Schau „Plakativ. Toulouse-Lautrec und das Plakat um 1900“ in der Wechselausstellungshalle des Sprengel Museums Hannover. Die üppig gehängte Schau ist ein Beispiel für die vielen Schätze, die in den Archiven des Hauses schlummern und bislang zumindest vor Ort noch nie öffentlich zu sehen waren. Zudem sind die Werke eine Spiegelung der Zeit vor den Ausbrüchen von Kubismus und Expressionismus, also dem eigentlichen Beginn der Moderne.

Von den 631 Plakaten der hauseigenen Sammlung haben 164 den Weg in die Ausstellung gefunden, die thematisch den Unterhaltungssektor ebenso behandelt wie Werbung für Kultur und Reklame für Produkte aller Art. Etliche Rahmen mussten neu angefertigt werden, weil die Exponate eine Kantenlänge von mehr als drei Metern erreichen können.

Da schweben auf den Plakaten von Jules Chéret, der als ausgebildeter Lithograph Ende des 19. Jahrhunderts als erster die mannigfachen Möglichkeiten des Mediums erkannte, zauberhafte junge Damen herum und bewerben diverse Amüsierlokalitäten. Auch der Tscheche Alfons Mucha hatte eine Vorliebe für die Weiblichkeit und stellte in leicht überkandideltem Jugendstil nicht nur immer wieder die Schauspielerin Sarah Bernhardt dar, sondern ließ auch schon mal eine langhaarige Schönheit „Job-Zigarettenpapier“ hochleben – die typischen wallenden Locken wurden vom Volksmund als „Muchas Makkaroni“ bezeichnet.

Manches Exponat wirkt ebenso kurios wie kryptisch: Dass auf dem Plakat des Niederländers Jan Toorop ein spezielles Salatöl angepriesen wird, ist keineswegs sofort ersichtlich, weil auch bei dieser Darstellung der Schwerpunkt auf grandios frisierten Damen liegt. „Da hat sich nicht viel geändert“, meint Kuratorin Karin Orchard. „In der Werbung werden ja immer noch häufig Frauen gezeigt, gern leicht bekleidet, selbst wenn das mit dem Thema überhaupt nichts zu tun hat.“

Einige Länder sind in der Schau besonders reichhaltig vertreten, wobei sich stilistische Eigenarten feststellen lassen. In französischen Bildwelten dominiert eine gewisse Eleganz – wer kennt nicht die kessen Motive von Henri de Toulouse-Lautrec, dem wohl prominentesten Vertreter des Genres. Höchst beschwingt kommen aber auch die Entwürfe des Briten Dudley Hardy daher, die im Extremfall leicht surreale Züge annehmen können: Die Zeitschrift „St. Paul’s“ bewarb er mit einem jungen, flott gekleideten Paar auf einer Wippe, die über die Mondsichel verläuft. Übersichtlicher und formal strenger, jedoch nicht reizloser wirken oft die deutschen Plakate, denen es keineswegs an Humor mangeln muss: Klaus G. Richter ließ etwa 1910 fünf mit Beinen, Spazierstock und Zylinder versehene, offenbar heftig beschwipste Sektflaschen umhertorkeln.

Zu Recht hält Kuratorin Orchard die heutzutage weit verbreitete Trennung von Kunst und Angewandter Kunst gerade im vorliegenden Zusammenhang für wenig sinnvoll: „Manche sind durch die Beschäftigung mit dem Plakat und die Möglichkeit der massenhaften Verbreitung überhaupt erst zur Kunst gekommen. Und in unserer Ausstellung finden sich einige große Namen wie Gustav Klimt oder Franz von Stuck, für die es nicht ehrenrührig gewesen ist, sich mit diesem Medium zu beschäftigen.“

Die Ausstellung läuft bis zum 24. Januar, geöffnet ist sie dienstags von 14 bis 20 Uhr, mittwochs bis samstags von 14 bis 18 Uhr. Es empfiehlt sich, Zeit mitzubringen. Und gern auch die Kinder – diese Schau ist familienkompatibel.

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