Bremer Domchor singt Händels „Messiah“ ohne romantisierende Gefühligkeit

Mehr als nur Halleluja

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Tobias Gravenhorst

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeHört man sich um, verbindet der Musikliebhaber normalerweise Georg Friedrich Händels mit seinem 1742 entstandenen „Messiah“. Dabei ist nun gerade dieses Oratorium die große Ausnahme im Schaffen des Komponisten, der im Oratorium seine ganz genuine Opernreform durchführte.

Nur im „Messiah“ verwendet Händel Textstellen aus dem Neuen Testament, darunter auch die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium. Während in den großen Menschheitsdramen des Alten Testaments Händel seine Kunst der Theaterkomposition ausbreitet, ist der „Messiah“ neben seinen „Theaterelementen“ in seiner unaufdringlichen Stille eher ein Werk der theologischen Reflexion. Es beschreibt in seinem dritten Teil „die Erlösung vom Tod nicht als Vergangenheit oder Zukunft, sondern als Gegenwart“, wie der Dirigent der jetzigen Aufführung im St.Petri-Dom in Bremen, Tobias Gravenhorst, in seinem Kommentar zum Programm schreibt.

Das hatte für den Bremer Domchor, das kleine, aus der Kammersinfonie Bremen hervorgegangene Orchester „Concerto Bremen“ und die Solisten interpretatorische Folgen. Da klang alles leicht, gestisch präzise, deutlich in der Tonmalerei, und in keinem Stück ließ Gravenhorst sich zu einem affirmativen Jubel verführen, nicht einmal im eher verhaltenen „Halleluja“ (einige Zuhörer im gut besuchten Dom gingen danach: hielten sie das Werk für beendet oder wollten sie nur das hören?). Der Chor konnte sich nach einem eher neutralen Anfang in charakteristische und wunderschöne Klangwelten entwickeln, ohne Forcierungen und ohne jeglichen Substanzverlust. Das will bei einem noch so guten Laienchor angesichts der gewaltigen Ansprüche gerade im zweiten Teil schon ganz viel heißen.

Auch das „Concerto Bremen“ hielt gut mit und setzte eigene Akzente: nicht ganz historische Aufführungspraxis, aber „auf authentischen Instrumenten“ immerhin das, was man etwas unglücklich als „historisch informiert“ bezeichnet. Schön die chromatische Gestalt in „Du zerschlägst sie“, entschieden die Figur für „Sicherlich“. Manches hätte kraftvollere Deutlichkeit vertragen können, zum Beispiel die punktierte Geißelfigur.

Aber alles in allem war diese ungekürzte Aufführung durch die konsequente Vermeidung von romantisierenden Gefühligkeiten einfach gut, ein Eindruck, der bestens untermauert wurde durch die immer anderen, ungemein flexiblen Anschlüsse der Stücke untereinander.

So ein Konzept kann nur realisiert werden, wenn man die richtigen Solisten hat und auch da stimmte es: allen voran der fabelhafte Bass Raimund Noltes. Beeindruckende Akzente kamen vom Tenor Michael Connaires und dem Alt Meinderd Zwart. Die Sopranstin Angela Postweiler glänzte nicht nur mit ihrer gut geführten lyrischen Stimme, sondern auch durch den Mut, Verzierungen anzubringen, die wahrscheinlich nicht improvisiert waren, aber immerhin vollkommen überraschend klangen. Die vier bildeten eine homogene Stimmigkeit, wie man sie selten hört.

Zusammen mit der Wiedergabe von Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ und Frank Martins „In Terra pax“ im letzten Monat darf diese Aufführung gerne als ein wichtiger Meilenstein und ein Höhepunkt in der nun dreijährigen Arbeit Tobias Gravenhorsts zu werten sein. Großer Beifall.

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