Das Staatsschauspiel Hannover lädt in den „Dark Room“

Mehr Differenzierungen, bitte!

Eine nachvollziehbare Dramarturgie sucht der Zuschauer in Hannover leider vergeblich.

Hannover - Von Jörg Worat. Theater für Besucher ab 18 Jahren? Auch das hat das hannoversche Schauspiel jetzt im Angebot: Minderjährige haben bei Johannes von Dassels „Dark Room“ keinen Zutritt. Im Ballhof Zwei lief nun die Uraufführung.

Erfahrungsberichte aus Darkrooms, diesen spärlichst bis gar nicht beleuchteten, vor allem aus der Schwulenszene bekannten Örtlichkeiten für anonymen Sex, bilden die Grundlage des Textes. Aus dem Regisseur Ran Chai Bar-zvi eher eine Art Performance gemacht hat.

Das Publikum wird nicht über den gewohnten Aufgang, sondern durch eine rückwärtige Pforte in den Saal geführt und passiert dabei schwarze Vorhänge, hinter denen lustvolles Juchzen zu vernehmen ist. Sobald alle Platz genommen haben, stürmt ein Quartett auf die Bühne: Sebastian Jakob Doppelbauer, Sebastian Nakajew, Nils Rovira-Muñoz und Amelle Schwerk sind gewandet, als wollten sie an einem höfischen Ball vergangener Tage teilnehmen, werden im weiteren Verlauf aber mit zeit- und themengemäßerer Kleidung aufwarten.

„Ein Gespenst geht um in Europa“, lässt uns die Riege wissen, allerdings geht es hier nicht um dasjenige des Kommunismus, sondern um, richtig geraten, Sexualität. Und deren Varianten kommen nun ausführlich zur Sprache, wobei diese Sprache in Sachen Deutlichkeit kaum Grenzen kennt: Es geht um Anales oder Orales, auch schon mal darum, was bei derartigen Praktiken schiefgehen kann; punktuell wird es recht unappetitlich. Und wer hören will, wie Wörter, die mit „f“ beginnen, in verschiedensten Tonlagen klingen können, kommt hier ebenfalls zu seinem Recht.

Einer erzählt, wie er plötzlich seinen Chef im Darkroom trifft, eine Frau outet ein sehr spezielles Doppelleben: „Tagsüber bin ich Politikwissenschaftlerin an der Uni, nachts organisiere ich sexpositive Parties.“ Natürlich spielen Berührungselemente eine große Rolle auf der Bühne, einmal steigt die Darstellerriege auch mit verbundenen Augen durchs Publikum, ohne dass es dabei aber zu Übergriffen käme.

Einer durchgängig nachvollziehbaren Dramaturgie folgt das alles nur bedingt. Deutliche Spuren hat das Kostüm- und Bühnenbildstudium des Regisseur hinterlassen: In diesem Darkroom ist es keineswegs immer nur dunkel, sondern auch hell, zuweilen sogar sehr hell, wenn die Leuchtelemente auf der Bühne ihre volle Strahlkraft erhalten. Zu den Überwältigungsmomenten gehört zudem eine Passage mit lauter Musik.

Es wird viel gelacht im Publikum, der Beifall am Schluss ist heftig. Gleichwohl bleibt ein großes Fragezeichen: Diese Aufführung wirkt letztlich wie eine Feier der Lust in all ihren Facetten – wäre es nicht aber gerade heutzutage wichtig, den Wert von Begriffen wie „Scham“ oder „Tabu“ deutlich differenzierter auf den Prüfstand zu stellen?

Sehen

Die nächsten Vorstellungen sind am 6. und 21. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr, im Ballhof Zwei, Hannover.

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