„Peer Gynt“ von Markus & Markus in Bremen

Die Mauer muss her

Markus (l.) und Markus gehen mit Herbert (im Hintergrund) auf die Suche nach dem Ich. - Foto: Paula Reissig

Bremen - „Vielleicht können wir nichts – geschenkt!“, sagt, nein, schreit einer der beiden Performer namens Markus vom Performance-Kollektiv Markus & Markus in „Peer Gynt“. Das ist nicht gerade Ibsen, könnte man meinen. Zwar ist man es mittlerweile natürlich gewohnt, dass sich Regisseure bei den Klassikern recht unverfroren bedienen, einzelne Aspekte herausarbeiten, zu deren Gunsten beherzt zum Rotstift greifen. Aber was da am Wochenende zweimal in der Schwankhalle zu sehen war, konnte dennoch durchaus Rätsel aufgeben.

Eine kaputte Gartenschaukel, ein Lagerfeuer aus Schaumstoffstreifen, ein Karussellpferdchen ohne Karussell. Tablettenhülsen, die knirschend kaputt gehen, wenn die Performer darauf herumspazieren. All so Zeug bevölkert vor einer Projektion des Brandenburger Tores noch mit Berliner Mauer die Bühne. Dagegen steht auf einer Videoleinwand eine zumindest vordergründig geordnete Welt: eine Wohneinrichtung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen. In „Gespenster“ begleiteten sie eine Frau in den Freitod, in „Peer Gynt“ arbeiten Markus & Markus mit einem Demenzkranken, dem wir per Video einerseits recht nahe kommen, der sich aber zugleich stets entzieht.

Aber was hat das mit Ibsen zu tun? Markus & Markus lösen das Rätsel selbst: Bei der Lektüre sei ihnen schnell klar geworden, dass Gynt dement sein müsse: Begegnet er nicht Zauberern? Sind nicht die Geschichten, die er erzählt, unserer Realität weit entrückt? Ist er nicht, kurz gesagt, ein bisschen wie Herbert, der Mann aus den Videos? Der mal fünf, mal neun, mal elf Kinder hat. Die „im Osten“ leben und die er nie gesehen hat. Oder für vier Tage, oder nur einmal. Was Herbert dabei allerdings stets im Weg scheint, ist die Berliner Mauer. Die durch ihre Abwesenheit seinem Leben Sinn und Perspektive raubt. Weshalb in diesem „Peer Gynt“ die verzweifelte Bitte an Herrn Gorbatschow ertönt, er möge diese Mauer wieder errichten.

Der Zeichendschungel, den Markus & Markus eine Stunde lang errichten, entspricht in seiner Komplexität der anzunehmenden Zerstreutheit des Protagonisten. Oder der angenommenen? Denn was wissen wir schließlich über Demenz? Im Grunde fast nichts. Ihr Angebot: Wir müssen den Menschen, auch einen Demenzkranken, in seinen Geschichten ernstnehmen. Denn die machen ihn im Kern aus. Die Alternative führen sie, ganz im Geiste Ibsens, an einer Zwiebel vor: Schicht um Schicht wird abgetragen – und am Ende bleibt: nichts. Je tiefer man eintaucht in diesen „Gynt“, desto mehr Bekanntes entdeckt man derweil auch über das berühmte Zwiebel-Bild und ein bisschen Grieg hinaus: Zwar wartet keine Solveig, um des Helden Seele zu retten, aber die Pflegerin Conny nimmt Herbert an die Hand, seine Zähne müssen befestigt werden. „Mit dir geh ich immer mit“, sagt er. Ein intensiver Abend. Zumindest das können sie. Und das ist nicht wenig.

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