Weserburg Bremen trennt sich von eigenem Besitz / Richter-Bild geht in New Yorker Auktion

„Matrosen“ als Rettungsanker

Gerhard Richters „Matrosen“ – geschätzter Wert: sechs bis acht Millionen Dollar.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Die Weserburg, Museum für moderne Kunst in Bremen, hatte gestern zwei Nachrichten zu verkünden. Zuerst die gute: Die Zukunft des Hauses scheint gesichert. Die schlechte: Für die Zukunftssicherung trennt sich das Haus von 53 Werken. Darunter befindet sich sein bedeutendster Besitz, Gerhard Richters „Matrosen“, ein zwei mal anderthalb Meter großes Gemälde aus dem Jahr 1966.

Das Richter-Bild, nach Einschätzung von Kunstmarkt-Experten eines der besterhaltenen Werke des Malers aus den 60er Jahren, soll am 9. November bei Sotheby‘s in New York versteigert werden. Zu erwarten ist ein Erlös von sechs bis acht Millionen Dollar. Ein Bild von Franz Gertsch, „Luciano I“, soll im kommenden Jahr in den Kunstmarkt gegeben werden. Der Wert wird auf eine halbe Million geschätzt.

Dass die Zukunft des Museums am Verkauf eines kapitalen Bildes des wichtigsten deutschen Gegenwartsmalers hängt, veranschaulicht die Misere des Hauses: Chronisch unterfinanziert, aktuell mit einem erheblichen Defizit belastet und in einem Gebäude untergebracht, dessen Klima weder den Exponaten noch den Besuchern zuträglich ist, sieht sich die Weserburg gezwungen, nach einer Basis für ihre künftige Arbeit zu suchen. Ein Moderatorenkreis „Zukunft der Weserburg“, der seit geraumer Zeit an einem Sanierungskonzept arbeitet, trug dem Haus auf, selbst einen erheblichen Beitrag zu leisten. So habe es keine Alternative zur Verwertung eigenen Besitzes gegeben, wie der Vorsitzende des Stiftungsrates der Weserburg, Rüdiger Hoffmann, gestern erklärte.

Die Erträge aus dem Verkauf der 53 Bilder aus Stiftungsbesitz sollen in einen Zukunftsfonds Weserburg fließen, aus dem künftige Sanierungsmaßnahmen bestritten werden könnten. Auch schließt Weserburg-Direktor Carsten Ahrens nicht aus, dass mittelfristig aus den Zinserträgen des Fonds Teile in das operative Geschäft fließen. In den kommenden drei Jahren wird dies voraussichtlich nicht nötig sein, da ein Mäzen für diesen Zeitraum pro Jahr 500 000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Das gibt dem Haus Planungssicherheit für den Ausstellungsbetrieb. Die jährlich 1,2 Millionen Euro öffentlichen Zuschuss verbrauchen Gehälter und Sachmittel.

Dass Weserburg-Direktor Ahrens der Verkauf von Teilen der eigenen Sammlung nicht leicht gefallen ist, darf man uneingeschränkt glauben. Die Maßnahme schmerzt in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist es der Verlust an eigener Sammlungssubstanz. Zum anderen droht der öffentliche Vorwurf des Tabubruchs. Zu ersten allerdings konnte, so Ahrens, eine „Bremer Lösung“ gefunden werden, die den Trennungsschmerz mindert. Dank finanzieller Mittel der Karin und Uwe Hollweg Stiftung wechseln 51 Bilder von der Weserburg in die Kunsthalle Bremen.

Auch sieht Ahrens die Identität seines Hauses durch den Verkauf nicht gefährdet. Das veräußerte Konvolut, das dem Haus nach der Auflösung der Roselius-Stiftung übereignet worden ist, erfülle kaum die Kriterien einer Sammlung. Außerdem sei es Stiftungszweck seines Hauses, bestehende Sammlungen „zu sammeln“ und zu zeigen, nicht eine eigene anzulegen. Dafür fehlten die finanziellen Mittel. Dass die Werke nun an die Kunsthalle gehen, entspreche zudem der bei Gründung der Weserburg im Jahr 1991 erklärten Aufgabenverteilung der beiden Museen. Wichtig sei Ahrens auch das Einverständnis des Stifters zu der Veräußerung des Konvoluts gewesen. Der Roselius-Erbe, inzwischen weit entfernt von Bremen ansässig, habe Verständnis für die Maßnahme gezeigt.

Nicht zu leugnen ist der bedenkliche Signalcharakter, der von dem Verkauf speziell des Richter-Bildes ausgeht. Eine „Bremische Lösung“ war hier nicht nur wegen des Preises ausgeschlossen, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass das Stiftungsrecht Verkaufswege für den bestmöglichen Erlös vorschreiben. Nun bleibt der negative Beigeschmack, ein Weg zur Sicherung öffentlicher Museen könnte die Verwertung von Beständen auf dem privaten Kunstmarkt sein. Die Akteure der Zukunftssicherung warnen verständlicherweise davor, die Maßnahme als nachahmenswertes Beispiel zu sehen. Man kann nur hoffen, dass ihre Botschaft ankommt. Die Weserburg hat für einige Zeit den Rücken freier, darf die Abwehr gegen lokales politisches Sperrfeuer verlasen und stärker in die kuratorische Offensive gehen. Der Eigenbeitrag könnte das Museum vom Hilfsempfänger zum Akteur befördern. Und er nimmt die öffentliche Hand dauerhaft in die Pflicht einer „private-public-partnership“ auf Augenhöhe. Das dürfte für die künftigen Jahre unter dem Spardiktat ebenfalls der Zukunftssicherung zuträglich sein.

Ob die Gelder aus dem Zukunftsfonds jedoch ausreichen, um die notwendige Sanierung der Weserburg zu finanzieren, ist keineswegs sicher. Auch weiß niemand, ob die Weserburg überhaupt ihren Standort behält. Andere Optionen, hinter die sich Fraktionen des Bremischen Bürgertums stellen, würden geprüft, so Ahrens. Einen konkreten Traum hat der Direktor: Im September 2011 würde er gern Näheres zur Zukunft seines Hauses verkünden. Dann wird die Weserburg 20.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut

Michael Schumacher: Bewegende Netflix-Dokumentation geht unter die Haut
„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“
Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt
„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

„Tatortreiniger“ Bjarne Mädel gibt nach 31 Folgen den Wischmob ab

Kommentare