Maßlos, entfesselt und durchgeknallt

„Don Giovanni“ wird in Bremen zum Publikumserfolg

+
Vom Wahn gepackt: Birger Radde gibt in Bremen den Don Giovanni.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. An der Wucht und der vieldeutigen Rätselhaftigkeit des „dramma giocoso“ haben sich Generationen von Regisseuren die Zähne ausgebissen. Günther Rennert, einer der Großen des vergangenen Jahrhunderts, glaubte „nicht an die Möglichkeit, für diese Partitur auch nur eine annähernd szenische Entsprechung finden zu können“. Die „Oper aller Opern“ (E.T.A.Hofmann 1813) ist ein „Gipfel, der nie wieder erreicht worden ist“ (Bertolt Brecht). Nun beschäftigt sich also Tatjana Gürbaca mit „Don Giovanni“ – jene preisgekrönte Regisseurin, die unvergessliche Arbeiten am Theater Bremen hinterlassen hat. Ein Versuch, der zu einem außerordentlichen Publikumserfolg geworden ist.

Dabei macht es die Regisseurin dem Zuschauer nicht leicht. In den abstrakten Bildern und Bühnenbildern ist am Anfang auf langen Strecken nur schwer zu erkennen, worauf das hinauslaufen soll. Letztendlich ist doch genau das gut so, denn Gürbaca breitet damit die zentralen Fragen des Stückes aus: Wer ist eigentlich Don Giovanni? Wer ist sein Spiegelbild Leporello? Wer sind wir, und wie spiegeln wir uns in einer Geschichte? Und nicht zuletzt die Frage: Wer ist der Tod?

Das Bühnenbild (Klaus Grünberg), eine öde, verregnete, verlassene Gegend, zeigt keinen Ort; genauso wie die Kostüme (Silke Willrett) in keiner Zeit zu verorten sind. Damit serviert die Regisseurin Don Giovannis Exzesse, der über seiner inneren Leere schon fast wahnsnnig geworden ist, wie auf einem Tablett. Mitreißend agiert hier Birger Radde: entfesselt, durchgeknallt und vor allem zeitlos in jedem Augenblick. Er trägt dazu krasse Fantasiekostüme, mal weiße, gestickte Seide, mal einen riesigen roten Pelzmantel, mal einen kurzen schwarzen Rock mit einem halben Oberteil. Stets wird dabei Don Giovannis maßlose Außenseiterstellung deutlich.

Ein öder, verlassener Ort ist in Bremen Dreh- und Angelpunkt der Handlung.

Das gilt auch für den ihm geradezu hörigen „siamesischen Zwilling“ Leporello: in keiner bisherigen Inszenierung wurde derart klar, wie sehr Leporello Don Giovanni ist (oder besser sein will) und umgekehrt. Christoph Heinrich tobt durch den Abend mit großer Stimme und einer Intensität, die ab und an im besten Sinne erschreckend ist.

Gürbaca legt in ihrer Inszenierung den Focus auf die permanente Grenz- und Tabuüberschreitung mit der der verzweifelt Suchende Don Giovanni alle in seinen Bann zieht. So sehr, dass nach seinem Tod die Verlassenen nicht erleichtert, sondern weiter in eine sinnlose Leere laufen. Die schwierigste Aufgabe für die Regie ist immer wieder die Darstellung der Stein-Statue Komtur, die Gürbaca ebenso einfach wie sinnvoll löst: Don Giovanni, begleitet von einem wahnsnnigen Schrei Leporellos, stürzt in die Grube und der Komtur geht ab.

Mima Millo als Donna Anna, Patricia Andress als schwangere Elvira sind zwei hochdramatische Soprane, die erst im zweiten Teil zu weichen und flexiblen Tönen finden. KaEun Kim als Zerlina und Hyoyong Kim als Ottavio, Stephen Clark als praller Masetto und Loren Lang als Komtur spielen differenzierte Perspektiven: das Bauernmädchen Zerlina macht nicht mehr mit und zeigt ihre Ambivalenz schon im Liebesduett mit Don Giovanni. Hyojong Kim markiert deutlich ebenso die neue bürgerliche Zeit und gleichzeitig deren Spießigkeit.

Ebenso, wie die Inszenierung im zweiten Akt an erschütternder Deutlichkeit wächst, wird auch das Orchester unter der Leitung von Hartmut Keil besser. Bleibt im ersten Teil noch vieles pauschal, gibt es im zweiten wunderbare Feinheiten, die die Mischung aus Dämonie und Komik bestens hören lassen.

Sehen

Die nächsten Aufführungen sind am 26. Oktober sowie am 3., 14., 17. und 21. November Großes Haus im Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Baerbock und Habeck erneut an die Spitze der Grünen gewählt

Baerbock und Habeck erneut an die Spitze der Grünen gewählt

Jugendliche gestalten Volkstrauertag in Verden

Jugendliche gestalten Volkstrauertag in Verden

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare