Tobias Gravenhorst über Arthur Honeggers „Le Roi David“ und das Konzert im Bremer Dom

Zur Masse gesprochen

Das richtige Mosaiksteinchen treffen: Tobias Gravenhorst hat mit dem Bremer Domchor Ar thur Honeggers „Le Roi David“ einstudiert.

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Domkantor Tobias Gravenhorst hat neben großen Oratorien wie Bachs Johannes Passion und Weihnachtsoratorium, Händels Alexanderfest, Mendelssohns Paulus immer auch einen intensiven Blick auf Außenseiter des Repertoires wie das Weihnachtsoratorium von Heinrich von Herzogenberg, aber auch zeitgenössische Werke geworfen.

Nun steht die Aufführung von „Le Roi David“ aus dem Jahr 1921 von Arthur Honegger bevor. Geschrieben 1921 für das Volkstheater von Mezières, ist der „sinfonische Psalm“ ein schwer einzuordnendes Werk: nicht Musiktheater, nicht Oratorium und doch beides zugleich. Das Werk zeigt das sinnenfreudige Lebenstableau des biblischen (Buch Samuel) Hirtenjungen David, der am Hof des Saul durch seine Musik und seine Heldentaten – der Kampf mit Goliath – große Anerkennung gewinnt. Als Lüstling und Weiser, als König der Israeliten, erlebt er am Ende eine Engelsvision, die den Messias prophezeit. Wir sprachen mit Tobias Gravenhorst, der sich über die Entwicklung seines Domchores sehr zufrieden zeigt.

?Wie kam es zu der Wahl gerade dieses Stückes?

!Ich suchte eine Brücke zum 20. Jahrhundert. Ich finde es einfach wichtig, neue und neueste Musik vorzustellen. Dann ist das Stück bildhaft wie Filmmusik. Moderne Musik, die jeder versteht, kann man sagen.

?König David möche ich mal den Extremen Lyriker und Bandenführer nennen. Was ist er für den Komponisten Honegger, welche Akzente setzt er?

!Der Politiker und seine kriegerischen Seiten stehen im Vordergrund. David tanzt als König, er ist aber auch vielschichtig, was dem biblischen Bericht entspricht. Seine Wildheit, seine Schwachheit, seine Eitelkeit: Das wird recht unverblümt dargestellt, und das ist ja auch die Stärke der Darstellung im Alten Testament.

?Mit welchen musikalischen Mitteln macht er das?

!Mit den Mitteln seiner Zeit, mit Dissonanzen, mit bestimmten Instrumentierungen, mit orientalischen Anklängen, mit Assoziationen zu Bach und Händel. Er geht mit seiner Musiksprache aber eher rückwärts, er hat die Atonalität nicht anerkannt. Er wollte das Publikum erreichen, zur „Masse sprechen“, wie er gesagt hat. Die Uraufführung 1921 war ein Riesenerfolg.

?Honeggers Wunsch war es, einen allgemein gültigen Stoff zu finden, dessen Botschaften sich an alle Menschen richtet. Was meinte er mit diesem David?

!Der Text richtet sich an Juden wie Christen. Es ist eine Herrscherbiographie, die zwar religiös motiviert ist, aber es kein religiöses Thema. Das könnte auch Friedrich II. oder ein antiker König sein.

?Die 27 Nummern werden von einem Erzähler verknüpft. Wie wichtig ist diese Partie?

!Es ist eine tragende Rolle für den Charakter des Werkes. Indem er spricht und nicht singt, kann Honegger mit dieser Verfremdung musikalisch eindeutiger sein.

?Zum Tod Davids werden die protestantischen Choräle „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gesungen. Was bedeutet das?

!Honegger brauchte für den Schluss eine Apotheose. Er verweist damit auf eine andere Ebene, ohne diese zu betreten. Und es ist natürlich der Verweis auf den Messias, auf Jerusalem.

?Was ist das interpretatorische Problem für diese Partitur? Die Uraufführung haben ja zum Teil auch Laien gesungen.

!Einen bestimmten Ton zu finden, die rhythmische Prägnanz, der Griff zu sozusagen archaischer Tonsprache. Da Honegger mit schnittartigen Filmtechniken hantiert, ist es für den Chor sehr schwer, das richtige Mosaiksteinchen zu treffen.

Einführung heute um 20 Uhr im Chorsaal des Domes mit dem Theologen Hanns Kessler und dem Dirigenten Tobias Gravenhorst. Aufführung am 6.6. um 20 Uhr im St. Petri-Dom Bremen.

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