Gerücht gegen Gericht: Anja Fußbach/Marion Bösen machen in der „galerie mitte“ die „Vernissage“ zum Thema

Maskenspiele auf dem Kunst-Jahrmarkt der Eitelkeiten

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Die Atmosphäre ist jedem Ausstellungseröffnungsbesucher bestens bekannt: Alle schauen, wer sonst noch da ist und beschließen, dass es gut ist, nicht zu fehlen.

Künstler nutzen die Chance, auf die Frage nach dem eigenen Befinden die Liste ihrer kommenden Ausstellungen zu rezitieren. Auch das Wissen um das Schicksal nicht Anwesender wird gern als Gesprächsstoff für das beliebte „Stille Post“-Spiel genommen. „Weißt du schon, dass der/die ein Bild verkauft hat“ besitzt absoluten Nachrichtenwert, „bei X hat ein Museum angefragt“ ist in manchen Städten die Sensationsmeldung des Jahrzehnts. Dass die Bilder bei einem solchen Meet & Greet kaum ins Gewicht geschweige denn ins Auge fallen, ist wenig verwunderlich.

Professionelle Vernissage-Besucher wissen auch genau, wann in etwa die Eröffnungsansprachen zu Ende sind, um erst gar nicht Gefahr zu laufen, zu einer Kontaktaufnahme mit der Kunst inspiriert zu werden. Diese Profis stürmen im übrigen als erste auf den Redner zu, um ihr Bedauern über die Verspätung auszudrücken.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „ichweißmanwaswasmannichtweiß“ heute um 19.30 Uhr der Bremer „galerie mitte“ wird das vermeintliche Randgeschehen zum eigentlichen Inhalt der Schau. Mit Fotografien greifen Anja Fußbach und Marion Bösen das Maskenhafte ritualisierter Zusammenkünfte nicht nur in Kunstkreisen allegorisch auf. Aber auch fantasievolle Masken selbst werden dem Vernissage-Publikum geboten: zur Verkleidung, wahlweise als Versteckspiel oder zur Selbststilisierung.

Dass sehen und gesehen werden bei solchen Anlässen im Vordergrund stehen, hat schon Man Ray anschaulich gemacht: Er eröffnete eine Ausstellung im Dunkeln und gab den Besuchern Taschenlampen. Genau: Sie richteten diese aufeinander, nicht auf die Exponate.

Fußbach/Bösen ziehen daraus die Konsequenz, Gesichter aus dem Vernissage-Kreis an die Wand zu werfen. So ist eine Tapete mit Silhouetten Bremer Kunst- und Kulturszenen-Köpfe Mittelpunkt der Schau. Die Betreffenden sind eingeladen, und es darf gerätselt und entdeckt werden, welches Konterfei welche Besucherin/welchen Besucher meint. Damit nicht genug: Die beiden Künstlerinnen werden heute Abend Kulinarisches in die Waagschale werfen, um an Informationen und/oder Halbwahres über das Tapetenpersonal zu kommen: Gericht gegen Gerücht heißt die Losung. Das Futter für die Gerüchteküche wird dann an die Wand gepostet, eine bleibende Erinnerung an die Vernissage für spätere Ausstellungsbesucher, ebenso wie Fotografien von der Eröffnungs-Maskerade.

Die Idee des Tauschhandels haben Anja Fußbach und Marion Bösen von einem gemeinsamen China-Besuch mitgebracht. Und darin spiegelt sich auch das Konzept der neuen Galerie unter Leitung von Ele Hermel: Bremerinnen und Bremer, die den Ort inzwischen verlassen, andernorts Arbeiten erstellt oder von Auslandsaufenthalten Ideen mitgebracht haben, sollen im ehemaligen „Kubo“ (Beim Paulskloster) ausstellen. Dort ermöglicht die Trennung zwischen Atelier-Bereich und Galerie jetzt einen permanenten Ausstellungsbetrieb.

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