Martine Dennewald: Neue künstlerische Leiterin des Festivals „Theaterformen“

Politik und Spiel

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„Es ist gut zu wissen, wie ein Tagesplan an einem Theater aussieht“: Martine Dennewald will ihre Organisationserfahrungen der Salzburger Festspiele in den Festivalbetrieb der „Theaterformen“ einbringen.

Hannover - Von Jörg Worat. So viel man auch sucht: Auf allen Fotos, die im Umlauf sind, lächelt Martine Dennewald. Kann sie überhaupt finster dreinschauen? Im Bemühen, dem Journalisten gefällig zu sein, zieht die 35-Jährige eine Flunsch – und wirkt prompt völlig unglaubwürdig.

Bleiben wir also lieber beim Lächeln, zumal ein positives Gemüt sicherlich nicht schaden kann, wenn Martine Dennewald ihre neue Aufgabe angeht: Sie ist jetzt für das renommierte Festival „Theaterformen“ zuständig, dessen Modus sich mehrfach geändert hat und das mittlerweile jährlich wechselnd in Hannover und Braunschweig stattfindet. 2015 ist die niedersächsische Hauptstadt an der Reihe, und die neue Künstlerische Leiterin hat für die Zeit vom 2. bis zum 12. Juli ein sehr spezielles Programm zusammengestellt.

Das hat durchaus eine eigene Handschrift, fügt sich aber in die Tradition des Festivals ein. Dessen Name ja schon so etwas wie ein Motto ist: „Auch mir“, sagt Dennewald, „kam es vor allem darauf an, eine große Bandbreite an Spielformen zu zeigen.“ Gleichwohl gibt es so etwas wie einen roten Faden, denn wo immer sich das fügte, wurden gleich zwei Produktionen eines Regisseurs oder Ensembles eingeladen, gern solche unterschiedlicher Natur.

Die beiden Arbeiten des französischen Tänzers und Choreographen Xavier Le Roy etwa haben nur gemeinsam, dass sie höchst eigenwilliger Natur sind. „Untitled (2014)“ besteht aus drei Kurzstücken, in denen grundsätzlich etwas nicht stimmt: Einem Vortragenden scheint sein Thema entfallen zu sein, bei einer Performance sind möglicherweise keine Lebewesen zugange, einem Konzert mangelt es an der üblichen Dosis hörbarer Musik. Auch „low pieces“ ist dreigeteilt, verfolgt aber einen ganz anderen Ansatz, gibt es hier doch zu Beginn und zum Abschluss jeweils ein Publikumsgespräch, während das Ensemble dazwischen völlig unbekleidet agiert. Le Roys bemerkenswerte Biographie enthält unter anderem einen Doktortitel in Molekularbiologie: „Durch den wissenschaftlichen Hintergrund“, sagt die Künstlerische Leiterin, „hat er einen besonderen Blick auf die Welt. Das verleiht seinen theatralen Versuchsanordnungen einen eigenen Touch.“

Auch die in Hannover schon durch das Staatsschauspiel bekannte Gruppe „Rimini Protokoll“ wird doppelt vertreten sein. So kann sich der Besucher durch „Situation Rooms“ bewegen, 20 Filmsets, die allesamt mit Waffen zu tun haben: Mit einem I-Pad in der Hand wird man hier in die Welt der kongolesischen Kindersoldaten versetzt, dort in einen Berliner Schützenverein, wieder woanders in eine afrikanische Arztpraxis.

„Eine Tour kann höchstens zehn Stationen umfassen“, merkt Dennewald an. „Deswegen besteht hier die Möglichkeit zu zwei Besuchen ohne jegliche Überschneidung.“ Aber auch alle, die zu faul sind, ihr trautes Heim zu verlassen, hatten zumindest die Möglichkeit, auf ihre Kosten zu kommen: Für „Hausbesuch Europa“ konnte man das eigene Wohnzimmer zur Verfügung stellen – wer’s getan hat, muss nun allerdings damit rechnen, dass unbekannte Gäste eintreffen und über Europa in Allgemeinen und Besonderen diskutieren wollen.

Das Prinzip der Doppelung wird nicht stringent eingehalten: „Es ist gut, mit einem Konzept an die Festivalplanung heranzugehen“, findet die Künstlerische Leiterin, „aber natürlich nur, wo sich das auch sinnvoll einlösen lässt. Niemand hätte etwas davon, wenn eine solche Idee krampfhaft durchgezogen würde.“ So ist etwa die Eröffnungsveranstaltung ein Solitär: Das „Theatro La Re-sentida“ aus Chile versetzt das Publikum zurück zum 11. September 1973, dem Tag, als eine Militärjunta putschte und Präsident Salvador Allende Selbstmord beging. Nur geschieht in der vorliegenden Fassung genau dieses nicht – wird sich die Geschichtsschreibung nun in eine ganz andere Richtung entwickeln?

„Mir gefällt an dieser Produktion“, erläutert die Künstlerische Leiterin, „dass sie auf konkrete politische Ereignisse Bezug nimmt und zugleich die spielerischen Möglichkeiten nutzt, die es eben nur im Theater gibt.“

Bei der Programmgestaltung ist sicherlich von Vorteil, dass Martine Dennewald einen multikulturellen Hintergrund hat. Aufgewachsen in Luxemburg, spricht sie sechs Sprachen fließend, von luxemburgisch – ja, das ist eine eigene – und französisch über englisch und deutsch bis zu spanisch und schwedisch. Auch türkisch beherrscht sie ein wenig und lernt zurzeit japanisch, da demnächst ein längerer Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne ansteht.

Studiert hat die Vielgereiste unter anderem in London, eine ihrer beruflichen Stationen vor den „Theaterformen“ waren die Salzburger Festspiele, wo sie übrigens unter anderem rein organisatorische Aufgaben zu erfüllen hatte, eine Erfahrung, die sie keinesfalls missen möchte: „Es ist gut zu wissen, wie ein Tagesplan an einem Theater aussieht.“

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