Martina Klein in der Bremer Galerie Oberem

Kraft aus Licht und Raum

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Faule Farbe: am Boden lümmelndes Gelb.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Da liegt es nun, das Gelb, irgendwie heruntergerutscht von seinem angestammten Platz an der Galeriewand, hingelümmelt auf den Boden, bloß noch mit den Schultern an die Mauer gelehnt. Da liegt es also als gewölbte monochrome Fläche und wirkt: hinein in den Raum, hoch zur Decke. Ist da etwas schiefgelaufen? Sollte so ein Gelb nicht vielmehr nach vorne abstrahlen, hinein in den Blick des Betrachters, sorgsam gehängt auf Augenhöhe?

Nein, sagt das Gelb in Martina Kleins Objekt. Denn nicht ins Auge will es dringen, sondern in den Raum. Und nicht an ihm selbst soll es liegen, sich zu offenbaren, sondern an seinem Gegenüber: Wer es kennen lernen will, muss sich schon bewegen in dieser Ausstellung der Bremer Galerie Oberem. Bücken zum Beispiel, um das dünne Trägermaterial aus Baumwolle zu sehen, auf dem sich die Farbe flexibel und bruchlos wie eine Gummischicht wölbt. Oder an der Seite in die Hocke gehen, um im einfallenden Sonnenlicht die samtartige Oberflächenstruktur zu erkennen. Denn darin besteht der Reiz dieses Exponats: in einer Kraft, die sich weniger aus der Farbe selbst speist als vielmehr aus dem Licht und dem Raum.

Mehr noch als das Gelb vermag nebenan ein irgendwo zwischen Magenta, Rosa und Flieder angesiedelter Farbton auf seine Umgebung abzustrahlen. Wie ein Spiegel reflektiert der Stoff seine Farbe auf die Decke des Raumes. Die Wechselwirkung der beiden Farben selbst, ihr so filigranes Fundament, ihr unterschiedliches Reflexionsvermögen: In Kleins so beiläufiger wie gewagter Kombination zeigt sich Farbe in ihrer ganzen Plastizität, als ein Mittel, das weniger der Malerei als der Bildhauerkunst zuzuordnen ist.

An anderer Stelle verweist die Künstlerin auf diesen Umstand ganz direkt. Dann hängt sie neben die vom Träger gelöste monochrom bemalte Leinwand mit Mittelschnitt ein schnödes Handtuch – im Farbton knapp daneben, in der Form ohnehin: Die Dissonanz wird zur Sollbruchstelle von Fläche und Skulptur.

Kleins Hang zur Ablösung der Farbe von ihrem Träger, ihr Einsatz zur Inszenierung von Licht und Raum steht im Kontext einer ästhetischen Entwicklung, die seit geraumer Zeit zu beobachten ist. Insofern bietet sie kaum Überraschungen, aber doch eine konzeptionelle Stringenz. Es sind am Ende die einfachen Wahrheiten, die dem Betrachter in solch schlüssig komponierten Werken wieder ins Bewusstsein gelangen: dass Farbe, Licht und Raum einander bedingen – und dass diese Bedingung nichts weniger ist als das Fundament für jede Kultur.

Bis 24. Juli 2015 in der Galerie Oberem, Mendestraße 11 Bremen. Öffnungszeiten: Di.-Fr. 14-18 Uhr.

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