Martin Walsers Roman „Ein sterbender Mann“ erzählt vom Tod – und großen Gefühlen

Sterben oder lieben?

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Bremen - Von Jens Laloire. Dass ihn die eigene Endlichkeit tiefgreifend beschäftigt, hat Martin Walser kürzlich in einem Interview eingestanden, in dem sich der 88-jährige Autor für die Sterbehilfe ausgesprochen hat. Es sei unwürdig, so Walser, „das Sterben der Naturgemeinheit zu überlassen, wenn Medizin und Technik es doch menschenmöglich machen könnten“. Jeder solle selbst „die bestmögliche Art zu sterben wählen“. - Von Jens Laloire.

Auch die Hauptfigur seines zu Jahresbeginn erschienenen Romans „Ein sterbender Mann“ will selbstbestimmt sterben. Theo Schadt, ein bis dato erfolgreicher Geschäftsmann ist im Alter von 72 Jahren als Unternehmer ruiniert, da ihm ein höchst riskantes Projekt missglückt ist. Doch weniger die Insolvenz seiner Firma trifft Schadt, sondern vielmehr, wie sie zustande gekommen ist: Sein bester Freund, der Dichter Carlos Kroll, hat ihn an seinen ärgsten Konkurrenten verraten.

Obwohl Schadt trotz der Pleite keineswegs in der Gosse gelandet ist, sondern noch alles besitzt, was man für ein akzeptables Dasein benötigt, ist er seines Lebens überdrüssig. Daran kann nicht einmal die Tatsache etwas ändern, dass er „der am glücklichsten verheiratete Mensch der Welt“ ist. Seine Frau Iris ist für ihn zwar die „Göttliche“, ausreichend Trost zu spenden, vermag sie offensichtlich jedoch nicht – zu sehr leidet er unter dem Verrat seines Freundes. In einer Welt, in der ein solcher Verrat möglich ist, möchte er nicht länger leben: „Wieso denn leben, wenn das Leben immer genau den größtmöglichen Schmerz will?“

Deshalb stöbert er im Internet in einem Suizidforum nach einer Exit-Option und stößt dabei inmitten der Anonymität des Netzes auf eine Gleichgesinnte, die ihm (via Chat) zur Dialogpartnerin wird.

In diese Phase hinein platzt eine weitere (zwanzig Jahre jüngere) Frau, der er im Tanzutensilien-Laden seiner Gattin begegnet und sogleich – aller Lebensmüdigkeit zum Trotz – verfällt. Auch dieser Frau beginnt er zu schreiben, woraufhin sich ein ebenso intensiver wie intimer Austausch entwickelt. Schadts Leidenschaft ist entzündet, seine Todessehnsucht erlahmt. Der Mann will lieben und vergisst darüber sein Selbstmitleid sowie seine Frau, die er nach jahrzehntelanger Ehe kurzerhand verlässt; allerdings nicht ohne auch ihr Briefe zu schreiben, sodass er zeitweise mit drei Frauen zugleich korrespondiert. Somit ist „Ein sterbender Mann“ vorwiegend ein Briefroman, aber nicht ausschließlich: Neben Briefen, E-Mails und Kurznachrichten gibt es klassische Prosapassagen, in denen in der dritten Person die Geschichte des zugleich todessehnsüchtigen und begehrenden Seniors erzählt wird.

Doch Martin Walser begnügt sich auch damit nicht, sondern streut noch Internetkommentare, Berichte, Gedichte, Träume, Witze und Aphorismen ein. Die Gefahr, dass dabei ein überladenes Potpourri herauskommen könnte, umschifft der vielfach prämierte Schriftsteller gekonnt. Letztlich gelingt es ihm, die diversen Textsorten zu einem zeitgemäß vielschichtigen Mosaik über das Altern und Begehren zusammenzufügen.

Obwohl das Volten schlagende Ende mit mehreren Toten aufwartet – alle scheinen zu sterben, nur nicht der „sterbende Mann“ –, ist Walsers neues Werk in erster Linie ein Liebesroman, der von den Irrungen und Wirrungen erzählt, die einem offenbar auch im hohen Alter nicht erspart bleiben. Dargeboten wird dies alles in einer klaren Sprache, die viel über die Kunstfertigkeit des Altmeisters verrät, dem ein lebenskluger Roman geglückt ist, der sich den Schwierigkeiten widmet, die nicht nur das Leben, sondern auch noch das Sterben bereithält – vor allem wenn einer, der angeblich am Lebensende steht und den Tod herbeisehnt, eigentlich doch nur lieben will.

Ob Walsers Roman hingegen als Plädoyer für eine liberalere Sterbehilfe taugt, darüber lässt sich streiten.

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt, Hamburg. 288 Seiten, 19.95 Euro.

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