Martin Laberenz inszeniert Shakespeares „Was ihr wollt“

Karneval für Punker: In Oldenburg fallen alle Hüllen und Hemmungen

Wüste Sache: „Was ihr wollt“ in Oldenburg.
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Wüste Sache: „Was ihr wollt“ in Oldenburg.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Nackte schieben sich durchs Publikum, Geschlechtsteile verfangen sich in Stuhllehnen, ächzende Zuschauer und schlagende Türen, Buhrufe mitten im Stück: ordentlich was los im Oldenburgischen Staatstheater.

„Was ihr wollt“ hatte dort am Samstagabend Premiere, eine Komödie, die Shakespeare zur Karnevalszeit geschrieben hatte. Mit dem Karneval aber ist das so eine Sache. Erwünscht ist er nur noch in Ausnahmefällen, zu Rosenmontag in Köln, weniger aber in Oldenburg und schon gar nicht einfach so irgendwann Ende November abends um Acht im ehrwürdigen Theater.

Eine seltsam verklemmte Gesellschaft sind wir geworden, die Kindergärten mit Lärmschutzwänden einmauert, Betrunkene aus Innenstädten verbannt und sich empört, wenn im Theater tatsächlich Theater gespielt wird. Durchdrungen vom Geist der Vernunft sind wir nicht einmal mehr in der Lage, unsere Gefühle zu artikulieren. Für Liebesgeständnisse braucht es professionelle Partnerbörsen (siehe auch unseren Bericht zur „Liebestrank“-Premiere in Bremen), Freundschaftsbekundungen laufen über Internetforen. Und so schickt Regisseur Martin Laberenz sein Ensemble zurück in die Unvernunft, hinein in einen riesigen Sandkasten (Bühne: Peter Schickart), wo sich Sir Andrew Leichenwang (Pirmin Sedlmeir) unter dem Beifall des gesamten Ensembles an einer ganz einfachen Anmache versucht. „Hey, Sweetheart“, müht er sich staksig ab, während seine Zielperson, das Kammermädchen Maria (Nientje Schwabe) ihn staunend ansieht, „was machst du so ganz allein in der weiten Prärie? Suchst du etwa einen Cowboy, der dich nach Hause reitet?“ Oh weh.

Nicht viel besser ergeht es Orsino, dem pelzbehangenen Herzog von Illyrien (Rejko Geith). Seine Angebetete ist die reiche Gräfin Olivia (Lisa Jopt), sein Bote aber der Kammerdiener Cesario (Agnes Kammerer). Denn ein Bote muss sein in diesen verklemmten Zeiten, eine professionelle Partnervermittlung mit rhetorischen Kompetenzen. „Was also soll ich sagen?“, fragt Cesario seinen Herrn. „Was du sagen sollst?“, entgegnet dieser verblüfft. „Tja, äh, also… Zum Beispiel, dass ich… nee, das ist albern. Warte, äh…“

Als später dann die Gräfin den einstudierten Kram zu hören bekommt, mag sich so gar nichts in ihr regen. Dafür fragt sie den Boten selbst, was er denn täte, ihr zu gefallen – rein hypothetisch natürlich. Na ja, sagt da Cesario: Also, er würde vor ihrem Tor eine Hütte bauen und jeden Tag ihren Namen rufen, er würde für sie kochen, singen, tanzen. Und wie er so erzählt, schmilzt Olivia dahin. „Ich würde für dich arbeiten gehen und viel Geld verdienen…“ – „Oh!“, ruft die Gräfin: „Ich liebe Geld!“ Und obwohl das alles im Konjunktiv bleibt, ist dem Boten binnen kurzem die Liebe seiner Adressatin sicher. Denn was sollte Liebe anderes sein, als der Wunsch, begehrt zu werden?

An Shakespeares Plot orientiert sich das eher rudimentär, über weite Strecken wird wild variiert und improvisiert. Das garantiert ein hohes Maß an Unterhaltsamkeit und Spannung, alles wirkt sehr live und unvorhersehbar. Wie so oft allerdings bei Improvisation geht diese Unterhaltsamkeit auf Kosten der literarischen Substanz: Man lacht viel, oftmals aber, um mit Fritz Kortner zu sprechen, unter dem eigenen Niveau.

Wenn etwa Olivias biederer Haushofmeister Malvolio (Jens Ochlast) als Instanz des vernünftelnden Spießbürgers nach seinem beständigen Nörgeln über das improvisierte Chaos plötzlich seinerseits das Glück vermeintlicher Liebe erfährt, so lässt auch er mit einem Mal alle Hemmungen fallen. Genauer gesagt: alle Hüllen. Wie sich sogar dieser Puritaner glücklich nackt im Sand suhlt, sobald ihm nur selbst einmal eine romantische Begierde (oder auch nur die Aussicht auf den Herzogstitel) vergönnt scheint, ist wunderbar entlarvend. Aber muss er das derart in die Länge ziehen, dass die sinngebundene Provokation zum bloßen Selbstzweck verkommt?

Vor allem im zweiten Teil leidet die eigentlich reizvolle Lesart unter ihren eigenen theatralen Mitteln. Die liebeshungrige Olivia trägt ihre Haut bis zum Exzess zu Markte, nicht ohne den einen oder anderen beschämten Zuschauer eines unsittlichen Blicks auf ihre „Möpse“ zu bezichtigen. Und der Narr (Maximilian Pekrul), bis dahin ein gutlauniger Gitarrenklampfer im Zirkuskostüm, mutiert zum Folterknecht, der es dem gepeinigten Malvolio so richtig besorgt: Der Genussfeind, so scheint es, ist gar keiner, im Unterschied zur vergnügungssüchtigen Karnevalsgesellschaft bezieht er – wie Heinrich Manns „Untertan“ – seine Lust aus masochistischen Unterwerfungsfantasien. Das alles zielt in seiner Ausführlichkeit mehr auf Krawall ab als auf Erkenntnis.

Wo Schauspieler so sich selbst überlassen werden, herrscht der blanke Bühnendarwinismus, spielen die Kraftmeier den Rest an die Wand. An diesem Abend heißen diese Lisa Jopt und Jens Ochlast, die mit ihrer Bühnenpräsenz und Pointensicherheit diesen Abend zu weiten Teilen in ihre ganz persönliche Show umdeuten. In Oldenburg präsentiert sich der Klassiker als Rock’n’Roller. Wenn überhaupt. Denn so unverhohlen, wie das Ensemble seinem Publikum den imaginären Mittelfinger entgegen streckt, ist Shakespeare bereits im Punkmilieu angekommen.

Kommende Vorstellugnen: am 6., 19. und 23. Dezember, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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