Marius von Mayenburgs Verwirrspiel „Perplex“ in Hannover

Sicherungen durchgebrannt

+
Ohne Zittern und Zagen in die blödesten Sequenzen gestürzt: Szene aus „Perplex“ vom Marius von Mayenburg in der Cumberlandschen Bühne.

Hannover - Von Jörg Worat. Sinnfrei, übergeschnappt, unlogisch: Das alles muss keineswegs gegen einen vergnüglichen Theaterabend sprechen. Es garantiert allerdings ebensowenig einen künstlerischen Erfolg, wie die Premiere von „Perplex“ in der Cumberlandschen Bühne bewies.

Ein munteres Verwirrspiel hat Autor Marius von Mayenburg hier angerichtet. Zu Beginn kommt ein Paar aus dem Urlaub zurück und wundert sich über gewisse Veränderungen in der Wohnung. Das Befremden steigert sich, als die eigentlich nur mit dem Blumengießen beauftragten Freunde eintreffen und behaupten, es handele sich um ihr eigenes Zuhause.

Nun brennen sämtliche Sicherungen durch. Alle paar Minuten wechseln die Identitäten und Paarkonstellationen. Hier treten ein unterbelichteter Bengel und ein sonderbares Au-Pair-Mädchen auf, dort findet ein Kostümfest statt, das natürlich völlig aus den Fugen gerät, spätestens als der Skilehrer mit dem Elch sein schwules Coming-out erlebt. Die Vermieterin einer Ferienwohnung huscht nonchalant darüber hinweg, dass sie sich mit Utensilien aus der Nazizeit umgibt. Ein nackter Mann kommt aus der Dusche und will bahnbrechende Entdeckungen gemacht haben – es stellt sich allerdings heraus, dass seine Ausführungen gemeinhin unter dem Begriff „Evolutionstheorie“ laufen und somit nicht wirklich neu sind.

Damit das alles nicht endgültig im Chaos versinkt, behält meistens eine der gerade anwesenden Figuren klaren Kopf und versucht, den jeweiligen Entgleisungen irgendeinen Sinn abzugewinnen. Das kann recht lustig sein, wie es überhaupt zweifellos ab und an etwas zum Lachen gibt, wenn etwa alle Festbesucher daran scheitern, das amorphe Kostüm der Freundin zu identifizieren – dass die junge Dame ein isländischer Vulkan sein will, ist in der Tat schwer erkennbar. Da die einzelnen Episoden jedoch kaum miteinander verzahnt sind, wirkt die Abfolge bald beliebig, und trotz des hohen Grundtempos kann verstärkt Langeweile aufkommen.

Staatsschauspiel-Intendant Lars-Ole Walburg hat es sich nicht nehmen lassen, persönlich zu inszenieren, aber auch er zeigt leider kein gesteigertes Interesse, Struktur ins Geschehen zu bringen. Da wird das berüchtigte Konservengelächter eingeblendet, ohne dass klar würde, warum gerade in der betreffenden Szene und nur in dieser, oder es gibt unmotiviert ein paar Stimmverfremdungen.

Mit Katja Gaudard, Philippe Goos und Janko Kahle sind drei Stars des Ensembles am Start, und Gast Carolin Haupt hat keine Probleme, dieses Niveau zu halten. Ohne Zittern und Zagen stürzt sich das Quartett auch in die blödesten Sequenzen, insofern der Distanz beraubt, als die Rollennamen den realen entsprechen. Die beiden Herren mutieren schließlich zu Bühnenarbeitern und beginnen, die Kulisse abzubauen, während Katja Gaudard die verhuschte Regieassistentin gibt und Zweifel an Anwesenheit oder gar Existenz eines Regisseurs sät.

Beim Theater-über-Theater-Block kommen die Insider im Premierenpublikum endgültig in Fahrt und beömmeln sich bis hin zur Beifalls-Choreographie, die noch einmal mit dem Verkleidungsmotiv spielt. Ist ja auch alles schön und gut, nur hat der Abend letztlich etwas arg Anachronistisches, weil er mehr oder weniger den Eindruck vermittelt, die Macher hielten sich für die Erfinder des Absurden Theaters. Und da ist es wie mit der Evolutionstheorie: Die Idee hatte schon mal jemand.

Kommende Vorstellungen von „Perplex“: morgen sowie am 29. November und 26. Dezember jeweils um 20 Uhr, am 12. Dezember um 20.30 Uhr in der Cumberlandschen Bühne am Schauspielhaus Hannover.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fotostrecke: Erst jubelt Rashica - dann kommt Werder gegen Bayern unter die Räder

Fotostrecke: Erst jubelt Rashica - dann kommt Werder gegen Bayern unter die Räder

FC Bayern deklassiert Bremen - Kölner gewinnen Rhein-Derby

FC Bayern deklassiert Bremen - Kölner gewinnen Rhein-Derby

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Prima Madonna

Prima Madonna

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Kommentare