Mit Margot zum Sterben in die Schweizer Wohnsiedlung / „Ibsen: Gespenster“ in der Schwankhalle Bremen

Flieder war ihre Lieblingsfarbe

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Margeriten hatte sich Margot für die Bühne gewünscht. Allerdings sind diese Pflanzen nur aus Plastik, der Blumenwagen aber gehörte früher der Dortmunderin.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Für den Tod bleibt nur Zeit bis zum Mittagessen. Die Behörde will es so. Doch die alte Dame hat Glück, der 1. Mai ist ein Feiertag. Da kann der Staat großzügiger sein und sie sich mit dem Sterben Zeit lassen. Trotzdem wird es zum Ende noch mal bürokratisch, Formulare unterschreiben, Zeugen auswählen. Und immer wieder diese eine Frage: Sind Sie sich sicher? Einmal am kleinen weißen Rädchen des Durchlaufreglers gedreht, gibt es kein Zurück mehr. Auch für Margot nicht.

Gifttrank, Waffengewalt oder Fenstersprung: Auf der Bühne wird allenthalben gestorben. Gerne auch von eigener Hand und natürlich schön dramatisch. Dennoch ist es anders an diesem Mittwochabend in der Schwankhalle Bremen. Margots Suizid berührt und verstört gleichermaßen – weil er wirklich passiert ist.

Das Hildesheimer Theaterkollektiv „Markus&Markus“ hat die Protagonistin mit der Kamera in der Hand in die Schweiz begleitet. Dorthin, wo Sterbehilfe erlaubt ist – zumindest in einem eng gesteckten Rahmen. In einem unscheinbaren Wohngebiet mit einer grandiosen Aussicht, soll Margots Reise ein Ende finden. Ganz im Geheimen, schließlich will man ja nicht die Nachbarn traumatisieren.

Sterbehilfe – bei kaum einem Thema stehen sich Gegner und Befürworter so unerbittlich gegenüber. Beim selbstbestimmten Tod gibt es kein Grau, nur Schwarz und Weiß. Da wäre es für „Markus&Markus“ natürlich ein Leichtes gewesen, sich auf eine Seite zu schlagen, Position zu beziehen. Doch diesen Gefallen tun die beiden Markusse, Kollektivgründer Schäfer und Wenzel stehen auf der Bühne, dem Publikum nicht.

„Ibsen: Gespenster“ ist stattdessen das außergewöhnliche Protokoll einer Begegnung zwischen fünf jungen Leuten und einer 81-Jährigen, die nur noch einen Wunsch hat: Sterben. Loser Ausgangspunkt für die Reise ist Ibsens gleichnamiges Drama. In diesem bittet Osvald seine Mutter, ihm beim letzten Gang behilflich zu sein. Sie zögert und steht damit stellvertreten für unsere Gesellschaft, in der noch immer heiß debattiert wird, ob es ein Grundrecht auf selbstbestimmtes Sterben gibt – oder besser gesagt: geben darf. Den jungen Künstler Osvald konstruierte Ibsen damals aus einer realen Person. Nun drehen „Markus&Markus“ für ihre Performance „Ibsen: Eine Triologie“ den Spieß um: Mit Margot haben sie ihren realen Osvald gefunden.

Doch der Weg dorthin war lang. Wie lang genau, das erfährt der Zuschauer von den beiden Künstlern selbst. Auf einer mit dem Krimskrams alter Leute vollgestellten Bühne lesen sie aus der Korrespondenz mit diversen Sterbehilfe-Organisationen vor – während im Hintergrund die letzten Tage der alten Dame auf einem weißen Tuch vorbeiziehen. Damit bieten sie einerseits den Rahmen für die Handlung, andererseits aber auch eine Begründung für den Suizid. Mag Margot vor der Kamera auch noch so lebensfroh wirken, sie ist krank. Vielleicht nicht unbedingt lebensbedrohlich, aber immerhin so sehr, dass ein eigenständiges Leben nicht mehr möglich ist. Knapp ein Dutzend Diagnosen zählen die Männer aus den Auszügen ärztlicher Gutachten auf. Einfach nur des Lebens überdrüssig zu sein, reicht selbst in der liberalen Schweiz nicht für den Freitod. Das Geschäft mit dem Sterben, in „Ibsen: Gespenster“ kommt es so zynisch und abgeklärt daher, dass es kaum zu ertragen ist.

Ganz im Gegensatz zum Rest der Performance, der immer den Schwermut der Videosequenzen durchbricht. Dass Schäfer und Wenzel dabei Zylinder, feinen Zwirn und auffallend viel Lila tragen, kommt nicht von ungefähr. Was die beiden auf der Bühne anziehen, hat Margot, deren Lieblingsfarbe Flieder ist, ausgesucht. Für die alte Dame gibt es bei der Kleiderfrage nur eine Antwort: „Zylinder natürlich, ist doch schließlich eine Beerdigung.“

Eine öffentliche Trauerfeier, von der man beispielsweise bei der Organisation „Exit“ nichts wissen möchte. Sterbehilfe im Theaterstück? Nein, das ist dann doch zu gewagt. Was, wenn es Nachahmer gibt? Man denke nur an den „Werther-Effekt“.

Wortgewaltig brüllen die beiden Markusse den Zuschauerreihen die Briefe entgegen, während hinter ihnen eine lange weiße Tafel zum geselligen Abend einlädt. Oder doch eher Nachmittag, denn dieser Tisch ist einer Sequenz aus dem Film nachempfunden. Bei Kaffee und Kuchen versammelt Margot ein letztes Mal ihre Freunde um sich. Jene Menschen, die ihr die Familie ersetzt haben und denen sie nicht länger zu Last fallen will.

Die Distanz zum Protagonisten: oft beschworen, in der Schwankhalle bereits ab der ersten Minute passé. Stattdessen werden Margot und die fünf jungen Menschen in den vier Wochen ein sehr vertrautes Team, das Ausflüge unternimmt oder zusammen Bowle anrührt. Wo die jungen Menschen mit liebevoller Pedanterie darauf achten, dass Margot ihre Tabletten pünktlich nimmt. So viel Nähe ist gefährlich, könnte sie doch den Lauf der Dinge verändern, und damit das Stück. Das weiß auch die alte Dame. Sie inszeniert sie sich sogar selbst, wenn sie scherzhaft damit droht, bei solcher Fürsorge den Termin in der Schweiz wieder abzublasen – und damit der jungen Truppe ihre Filmidee zu versauen. Solche Aussagen stimmen nachdenklich und bedrückend, genauso wie eine direkte Ansprache an das Publikum, in der sich Margot für das Zuschauen bedankt.

Zudem werfen sie Fragen auf: Darf man das? Den Tod zu Unterhaltungszwecken instrumentalisieren? Ja, man darf. Genaugenommen passiert auf den Theaterbühnen der Welt jeden Tag nichts anderes. In der Wirklichkeit allerdings rollen nach dem Tod die Bestatter einen schlichten Holzsarg um die Ecke – Feierabend haben nur die Fünf vom Theaterkollektiv.

Den Zuschauer aber wird Margots Sterben noch eine ganze Weile begleiten. Verbunden mit der Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft unbedingt damit aufhören muss, den Tod so weit wie möglich aus dem Alltag auszusperren. Und dass man keine alte Frau dazu zwingen sollte, zum Sterben in ein anderes Land fahren zu müssen.

Weitere Vorstellung: Heute Abend um 20 Uhr in der Schwankhalle Bremen.

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