„Marcks & Mathieu“: Des Bildhauers andere Seite im Syker Vorwerk

Siegen wie Amazonen

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Feiert die Amazonen: Madonna, Siebdruck.

Syke - Von Mareike Bannasch. Amazonen, immer wieder Amazonen. Den Stahlhelm auf dem Kopf, die Rüstung fest um den Körper geschnallt stehen sie da, mal ganz in Lila, dann wieder in knallendem Rot. Obwohl, stehen ist eher selten die Sache der Kriegerinnen. Wer als Kämpferin etwas auf sich hält, nimmt heute das wuchtige Motorrad – oder zur Not den Roller. Auf dem Pferderücken in die Schlacht? Das ist sowas von gestern.

Amazonen, jene mythischen Kriegerinnen, die den Männern oftmals überlegen waren, bilden den Dreh- und Angelpunkt der Arbeiten von Maria Mathieu – und haben auf den ersten Blick eigentlich so gar nichts mit Gerhard Marcks zu tun. Gerhard Marcks? Genau, denn die aktuelle Ausstellung im Syker Vorwerk sucht bewusst die Verbindung zwischen dem Erbauer der Bremer Stadtmusikanten und der zeitgenössischen Künstlerin.

Auf Einladung der bisherigen Künstlerischen Leiterin Nicole Giese bekam Mathieu die einmalige Gelegenheit, sich mit Marcks‘ Arbeiten auseinanderzusetzen und Parallelen sowie Konsequenzen aus diesen herauszuarbeiten. Dabei herausgekommen ist nicht nur eine erste ausführliche Kooperation mit dem Gerhard Marcks Haus in Bremen, sondern auch eine Schau, die zunächst einmal einem eher unbekannten Teil von Marcks Schaffen Tribut zollt. Sind es vor allem Skulpturen, für die der Künstler bekannt sind, zählen zu seinem Werk auch mehr als 1000 Druckgrafiken, mit denen sich Maria Mathieu beschäftigt hat. Denn mag die beiden Künstler auch Generation und Geschlecht trennen, gibt es doch ein verbindendes Element: das Medium. Ein sehr guter Ausgangspunkt, wie sich in den Räumen des Vorwerks ziemlich schnell zeigt.

Insgesamt sieben Themen sind es, jeweils in einem Raum abgehandelt, in die sich die Ausstellung „Marcks & Mathieu“ gliedert. Dabei interessiert sich die in Sottrum lebende Künstlerin vor allem für das Unheimliche und Bedrohliche in Marcks‘ Werk – und davon gibt es eine Menge. Besonders der Themenkomplex „Flucht und Vertreibung“ kommt ziemlich dunkel und trostlos daher. Egal, ob nun als bösartig bärtiger Fährmann, der in einem Holzschnitt Seelen in die Unterwelt schippert, oder als gebeugte, ausgezehrte Gestalten, die in einem kleinen Holzkarren unterwegs sind. Wohin genau, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht, aber zurück nach Hause ist eben auch keine Option mehr. Motive, die selten so aktuell waren wie im heute, wo sich täglich Tausende über Meere und Schleichwege auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen.

Ein Thema, an dem daher auch Maria Mathieu nicht vorbeikommt, beispielsweise in der Arbeit „Bootsflüchtlinge I“. Auf die nautische Karte des nordafrikanischen Raums hat sie zwei Hände gedruckt, eine schwarz, die andere als durchlässiger Umriss. Kraftvoll ist sie, diese schwarze Hand und zeichnet mit einem Bleistift eine kleine Form, die fast wie ein Bötchen aussieht. Mitten im Handumriss steht es, dieses fragile Boot – und damit mitten auf dem Meer. Genau an jener Stelle, an der Menschen um ihre Zukunft und nicht weniger als ihr Leben kämpfen – die Erinnerungen an die Überfahrt in dem kleinen Boot werden sie nie wieder ganz abschütteln können. Genau wie jene ausgestreckte durchsichtige Hand, die Hilfe wollte, aber nur ein Boot als permanentes Zeichen bekommen hat – Trauma inklusive. Es eine eindrückliche materielle Präsenz mit der Maria Mathieu hier nicht nur die Parallele zu Marcks griffig und überzeugend herausarbeitet, sondern seine Position zudem in das aktuelle weltpolitische Geschehen überführt, versehen mit einem versteckten Hauch von Ironie.

So auch bei den knalligen Amazonen, denen sogar ein eigener Raum gewidmet ist. Ohne ihr Gesicht preiszugeben, stellen sich die Frauen vor verblassten Reliquien der Vergangenheit den Widrigkeiten der Moderne. Dass man ihr Antlitz dabei nicht sehen kann, kommt nicht von ungefähr, sind sie doch Jeanne d‘Arc nachempfunden, von der bis heute auch niemand weiß, wie sie eigentlich ausgesehen hat.

Jenes Bild der furchtlosen Kriegerin ist es dann auch, das den erneuten Brückenschlag zu Gerhard Marcks ermöglicht. Allerdings thematisiert er eine Kämpferin älterer Generation, genauer gesagt Judith, die quasi im Alleingang die Israelis vor den Assyrern rettete. Bei Marcks zeigt sie sich großformatig im schwarzen Schleier, den abgeschlagenen Kopf des Unterdrückers fest im Griff.

Völkerbefreiung steht heute bekanntlich eher selten auf dem Stundenplan, dennoch wirkt Mathieus Bezug auf Gerhard Marcks keinesfalls bemüht. Vielmehr wirft sie ein Licht auf heutige Schlachten – Zeiten, in denen es um viel mehr geht als um Schnittmuster für adrette Kleidchen. Kein Wunder, dass genau jene Vorlagen hier nichts weiter sind als blasser Hintergrund für Musik hörende Kämpferinnen. Dabei sind es aber nicht nur mythische Vorbilder, an denen sich Maria Mathieu abarbeitet, direkt am Treppenaufgang findet sich auch ein Madonna-Druck. Zwar nicht die Mutter Gottes, mit Blick auf Bedeutung und Einfluss aber durchaus vergleichbar: die Queen of Pop. Die Arme ausgelassen nach oben gerissen, strahlt sie Lebensfreude aus und feiert den Triumph über gesellschaftliche Schranken. Siegen 2.0.

„Marcks & Mathieu“, bis

28. März, Syker Vorwerk, Öffnungszeiten: Mittwoch 15 bis 19 Uhr, Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntags 11 bis 18 Uhr. Es gibt eine Führung mit der Künstlerin am 28. März um 15 Uhr.

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