Manfred Cordes, Leiter des Bremer Ensembles „Weser-Renaissance“, über Musik aus Flandern und anstehende Konzerte

„Der süße Gesang zersprengt jeden Fels“

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Der mit der Polyphonie tanzt: Manfred Cordes leitet das Bremer Ensemble „Weser-Renaissance“.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Oltremontani“ oder auch „Fiamminghi“ wurden sie von den Italienern genannt, die Musiker aus Flandern. Die besten wurden abgeworben und verbrachten ihr weiteres Leben an den Höfen von Mantua, Neapel, Ferrara und in der Republik Venedig. Adrian Willaert, Jean de Macque, Giaches de Wert und Cyprian de Rore kann man schon als Italiener bezeichnen. Ihr Werk bildet nun den roten Faden für die neue Reihe des Ensembles „Weser-Renaissance“, die sein Leiter Manfred Cordes wieder in vier Konzerten gestaltet.

Cordes gräbt für seine Weser-Renaissance-Reihe seit 15 Jahren Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert heraus und bindet sie in inhaltliche Konzepte. So lernte das Publikum die Musik der „Thomaskantoren vor Bach“ kennen, „Kompositionen apokalytischer Visionen vom Untergang“, „musikalische Weissagungen“ oder auch ganz einfach „Musik am Dresdner Hof“. Im ersten Konzert von „I Fiamminghi – Flämische Musiker in Italien“ sind Motetten von Willaert zu hören, der 35 Jahre lang Kapellmeister an San Marco war. Wir fragten Cordes nach dieser unbekannten Musik.

Ehe wir zu dem Programm kommen, wüsste ich gerne, wie finden Sie Ihre Themen?

Manfred Cordes: Also ich achte darauf, dass Internationales mit Regionalem wechselt. Ich muss auch beachten, dass das 17. Jahrhundert für den heutigen Hörer leichter verständlich ist als das 16. Diese polyphone Kunst erschließt sich nicht so leicht, und mit dem Aufkommen des Generalbasses, der seconda prattica, also dem einstimmigen Sologesang, war sie seit Monteverdi praktisch vorbei. Diese sogenannte Vokalpolyphonie ist aber von überirdischer Schönheit und wird im modernen Musikbetrieb völlig ignoriert.

Erleben Sie dabei Überraschungen, positiv wie negativ?

Cordes: O ja! Zum Beispiel habe ich im Rahmen der letztjährigen Reihe „Thomas-Kantoren“ ungeheure Entdeckungen gemacht, es gibt noch unendlich viel. Ich kann immer nur Miniausschnitte einer gewaltigen Musikgeschichte bieten und diese für den heutigen Hörer aufbereiten.

In welcher Verfassung befindet sich denn die Musik, die nicht in Drucken vorhanden ist?

Cordes: Zum Beispiel gibt es von Jean de Macque Stimmbücher, also nur die Noten für Sopran, Tenor, Alt und Bass, aus denen ich dann eine Partitur schreibe. Das macht übrigens viel Freude, weil man die Musik Stück für Stück für sich erschließt.

Franko-Flämisch, was heißt das eigentlich?

Cordes: Das Gebiet ist das heutige Belgien und Nordfrankreich, die Heimat des großem Guillaume Dufay mit seinen Nachfolgern Ockeghem und Johannes Obrecht. Es war eigentlich die alte burgundische Tradition, die durch diesen Exodus der besten Kräfte dann endete.

Diese Komponisten waren ja alle Sänger. Für Willaert gilt, dass ohne ihn die später berühmte „Raummusik“ und „Mehrchörigkeit“ in San Marco so gar nicht möglich gewesen wäre. Was genau erwartet uns mit seiner Musik?

Cordes: Die Mehrchörigkeit ist ja nur eine Facette, das räumlich abwechselnde Singen, die Alternatimspraxis, gab es ja schon immer. Die Kompositionstechnik für die Motetten ist viel kunstvoller und das wollen wir zeigen. Denn die Siebenstimmigkeit ist ja nicht durchhörbar. Es ist eine enorme Herausforderung für uns. Ein Zeitgenosse sagte, Willaert lasse „mit seinem süßen Gesang jeden Fels zerspringen“.

Adrian Willaert ist bekannt, weniger oder gar nicht Jean de Macque, der früh nach Italien kam und 1586 in Neapel starb. Kann man nicht eigentlich sagen, dass diese Musiker Italiener waren, so wie Händel Engländer?

Cordes: Ja, das kann man. Nach Willaerts Ableben gab es viele Stücke auf seinen Tod; in einer Komposition heißt es „Harmonicos magis ac suaves nemo edidit unquam“ – Niemals schuf jemand harmonischere und lieblichere Gesänge –, andere Texte stehen im venezianischen Dialekt. Das zeigt, wie beliebt und wie sehr er als Italiener akzeptiert war.

In den Konzerten kommen ja sehr unterschiedliche Gattungen vor: Motetten, Madrigale, Orgelwerke, eine Messe und eine Passion. Wir kennen ja die Passionen seit Schütz und später Bach. Wie muss ich mir eine Marcus-Passion von Giaches de Wert vorstellen?

Cordes: Die Passion von Marcus wird – wie damals selbstverständlich – in lateinischer Sprache rezitiert, und dann gibt es mehrstimmige Turba-, also Volkschöre. Dazwischen baue ich aber Passionsmotetten als reflektive Momente ein.

Und die Messe „Vivat Felix Hercules“, die Cyprian de Rore für Ferrara geschrieben hat?

Cordes: Der cantus firmus, also die tragende Melodie mit dem Herrscherlob „Vivat felix Hercules“ klingt in allen Sätzen der Messe, ein eigentlich unerhörter Vorgang innerhalb der geistlichen Komposition.

Sicher ist ja der Einfluss der „Fiamminghi“ auf die italienische Musik nachweisbar.

Cordes: Der Textbezug gewinnt an Bedeutung und es entstand ein internationaler Stil, den in dieser Zeit niemand infrage stellte.

Und umgekehrt? Wie ging‘s denn in Flandern weiter?

Cordes: Eher schlecht. Die Guten waren wirklich alle weg.

Die Besetzungen im Ensemble Weser-Renaissance sind variabel, Sie entscheiden immer, wer diese Musik am besten kann. Wie finden Sie derart gute Spezialisten für diese Musik, wie die Bremer es nun seit Jahrzehnten gewohnt sind?

Cordes: In diesem Programm habe ich eine Truppe von acht Sängern, mit denen ich schon länger und international erfolgreich arbeite. Sonst melden sich viele zum Vorsingen an. Ich lerne die Guten schon kennen.

Sie sagten einmal, das Ziel Ihrer Arbeit sei eine lebendige und zugleich musikologisch einwandfreie Wiedergabe. Garantiert die einwandfreie Musikologie die Lebendigkeit?

Cordes: Nein, natürlich nicht. Unter einer soliden Basis verstehe ich zum Beispiel die alten Stimmungssysteme, die Temporelationen und die Besetzungsstärken. Lebendig aber wird es durch das Herstellen von Kontexten und das Schaffen einer Atmosphäre, die den Zuhörer auch emotional in ihren Bann zieht.

13. November um 20 Uhr in der Kirche Unser Lieben Frauen: Musica Nova, Adrian Willaert in Venedig

15. Januar um 20 Uhr in der Kirche Unser Lieben Frauen: Madrigale e Capprici, Jean de Macque in Neapel

12. März um 20 Uhr Propsteikirche St. Johann: Passio Secundum Marcum von Giaches de Wert

23. April um 20 Uhr St. Petri Dom: Vivat Felix Hercules, Cyprian de Rore in Ferrara.

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