Kommentar zum ideologischen Gehalt

Medienkünstlerin Karen Russo beschäftigt sich mit Bernhard Hoetger 

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Ist nicht einfach nur originelle Architektur: Der Himmelssaal im Haus Atlantis in Bremen. 

Worpswede - Von Radek Krolczyk. In der Großen Kunstschau Worpswede ist derzeit eine Werkschau des deutschen Künstlers Bernhard Hoetger (1874 bis 1949) zu sehen. Im Rahmen dieser Ausstellung kommentiert die israelische Medienkünstlerin Karen Russo in zwei Videoarbeiten den ideologischen Gehalt der architektonischen Entwürfe Hoetgers und des Hauses Atlantis in der Bremer Böttcherstraße – einer nur scheinbar unpolitischen Touristenattraktion.

Frau Russo, wie kamen Sie dazu, sich mit Hoetger zu beschäftigen?

Karen Russo: 2012 habe ich einen Film über die Externsteine im Teutoburger Wald gemacht. Hier habe ich über die ideologische Bedeutung der Felsen für Neu-Rechte und Esoteriker geforscht. Vom Haus Atlantis hörte ich erstmals von einem Neofolk-Musiker, den ich für meinen Film interviewte. Ich war sofort fasziniert vom seltsamen Aussehen dieses Backsteingebäudes und begann mich ausführlich damit zu befassen. Die Geschichte dahinter ist absurd: Der Bau ist inspiriert von der Idee, dass die Germanen direkte Nachfahren der Bewohner des untergegangenen Kontinents Atlantis sind. Alle großen Nationen stammten letztendlich von Atlantis ab, so die Theorie, also natürlich auch die Deutschen. So sollte die Überlegenheit des deutschen Volkes bewiesen werden. Es ist merkwürdig in welcher Weise Geschichte hier neuerzählt und verändert wird und wie sich Mythen und Politik überlappen.

Warum wurde das Haus Atlantis gebaut?

Russo: Das war eine Idee des Bremer Kaffeeproduzenten Ludwig Roselius. Er begann nach dem Ersten Weltkrieg deutsche Kunst und Kultur zu fördern. Um seinen Ideen und seiner Kunstsammlung einen Platz zu geben, ließ er von Hoetger die Böttcherstraße entwerfen, 1931 wurde das Haus Atlantis errichtet. Im Haus Atlantis wollte Roselius seine Sammlung prähistorischer Artefakte ausstellen, es sollte ein „Vaterkundemuseum“ werden und Zentrum für pseudowissenschaftliche Forschung. Unter anderem war dort ein Institut untergebracht, das im Sinne nordischer Rassenforschung biometrische Tests durchführte.

Warum fiel Roselius’ Wahl auf Bernhard Hoetger?

Russo: Mit Hoetger war Roselius in gewissem Sinne geistesverwandt. Beide teilten die Idee einer deutschen Kunst. Hoetger war fasziniert von den großen alten Kulturen. Beide sahen im Expressionismus eine wahre deutsche Kunst und überführten gleichzeitig ihre inhaltlichen und formalen Vorlieben fürs Primitive und Altertümliche in eine politische Gestalt.

Ist denn die Architektur des Haus Atlantis ideologisch?

Russo: Sicher. Es handelt sich um eine Art nordischen Futurismus. Wenn man das Haus betritt, steigt man zunächst eine steile Stahltreppe hoch. Blaues und weißes Licht erzeugen eine Atmosphäre wie unter Wasser – eine Metapher für Wirths Theorie vom Aufstieg der nordischen Rasse. Man steigt vom Meeresgrund, von den versunkenen Ruinen von Atlantis, empor in den sogenannten Himmelssaal. Die Decke ist aus blauen Glasscheiben, die aussehen wie Runen und Sonnenzeichen und das so geformte Licht in den Raum werfen. Auch die Fassade ist voller nordischer Bilder und Symbole: ein hölzernes Kreuz im Kreis, ein Lebensbaum an dem Odin hängt, ein heidnischer Krieger. Altertümliche Motive werden gegen eine industrialisierte und moderne Welt gestellt – klassische Motive des Expressionismus.

Wie gehen Sie mit dieser Geschichte in Ihren Arbeiten um?

Russo: Meine Filme bewegen sich zwischen Dokumentation, archäologischem Essay und Science Fiction. Ich vermenge utopische Architektur mit der schönen Landschaft des Worpsweder Teufelsmoors. Dazu tauchen immer wieder prähistorische Gegenstände aus der Sammlung von Roselius auf. Mein Film spielt in einer Zeit nach einer großen Katastrophe irgendwo in ferner Zukunft. Gleichzeitig bewegen sich meine Figuren in einer längst vergangenen Welt. Für die Aufnahmen habe ich auch die altägyptisch inspirierte und nie realisierte TET-Stadt des Fabrikanten Hermann Bahlsen nachgebaut, an der Hoetger mitarbeiten sollte. Mit dieser Art von Fiktion reflektiere ich die Ideenwelt der Anhänger der Theorie von Atlantis.

Karen Russo lebt in London. Ihre Arbeiten sind bis zum 23. Oktober in der Ausstellung „Bernhard Hoetger und die Expressiven“ in der Großen Kunstschau Worpswede zu sehen.

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