SERIE: RÜBERGEMACHT Anne Moder, Musikerin und Künstlerin

„Man sprach nicht darüber“

Ihre Kindheit in der DDR und die Vergangenheit ihres Vaters beeinflussen auch Anne Moders künstlerische Arbeiten.
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Ihre Kindheit in der DDR und die Vergangenheit ihres Vaters beeinflussen auch Anne Moders künstlerische Arbeiten.

Bremen – Die Musikerin und Künstlerin Anne Moder wurde in der DDR geboren und wuchs in Potsdam auf. Wie sie die Jugend in der Nachwendezeit prägte, erzählt sie im Interview.

Sie wurden in der DDR geboren, verbrachten Ihre Jugend in der Nachwendezeit. Woran erinnern Sie sich?

Damals hat meine eigene Politisierung angefangen, ich war 15 und ging noch zur Schule. In Potsdam gab es eine sehr lebendige Hausbesetzerszene, in die ich reinschnüffeln konnte. Auf dem Wagenplatz habe ich ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich meine Zeit verbrachte. Ich wurde Teil einer Ateliergemeinschaft im „Archiv“, einem ehemals besetzten Haus. Wir haben dann angefangen Kunst zu machen, selbst Konzerte zu veranstalten, wir haben alles selbst gemacht. Diese Erfahrung war grundlegend für meine spätere künstlerische Arbeit in Bremen. Die Szene war groß und divers, in ihr war ich zu Hause.

Warum war die Szene so groß?

Bereits in den letzten Jahren der DDR gab es in Potsdam eine starke Opposition. Das waren Linke, die eine Reformierung des Sozialismus wollten. Nach der Wende gab es viel Leerstand, in dem sich die Jüngeren ihre Freiräume einrichten konnten. In den Jahren nach der Wende gab es mehr als 50 besetzte Häuser. Zu diesem Zeitpunkt war ich erst neun oder zehn.

War die Szene im Osten anders als im Westen?

Es ging weniger um identitäre Sachen. Eine queere Szene ist dort erst spät entstanden. Im Westen habe ich sehr emanzipierte Frauen kennengelernt, die ihre eigenen Lebensentwürfe verfolgten. Im Osten war die Antifa sehr wichtig. Dort ist das Problem mit Nazis sehr groß.

Wurden Sie angegriffen?

Die Angst war stark. Sie waren sehr präsent. In der Regionalbahn nach Falkensee oder nach Brandenburg traf man oft auf Nazis, die dort auch Freunde von mir angegriffen haben. Mir selbst ist nie etwas passiert. In Potsdam war das Problem nicht so groß, dort gab es ja eine starke Gegenbewegung. In den Dörfern im Umland sah es leider anders aus.

War die Kindheit in der DDR für Sie ein Thema?

Ich habe mich mit dem Thema in der DDR geboren zu sein, bewusst zuerst in Bremen auseinandergesetzt. Eigentlich begann es erst, als 2009 mein Vater gestorben war. Ich hatte lange schon einen Verdacht und habe dann bei der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen die Akten meines Vaters angefordert. Ich habe herausgefunden, dass er für die Ausbildung der IMs zuständig war. In meiner Familie war es ein angstbesetztes Thema, man sprach nicht darüber.

Wie veränderte sich die Situation Ihrer Familie nach der Wende?

Mein Vater hatte vorher an der juristischen Hochschule in Potsdam studiert, kurz vor seinem Diplom kam die Wende und beendete seine Karriere. Er arbeitete dann bei einer Gebäudereinigungsfirma. Zu meinen ersten politischen Erinnerungen gehört der Abend des 9. November. Ich war mit meiner Mutter bei den Großeltern, mein Vater hatte einen Einsatz am Grenzübergang an der Glienicker Brücke. Meine Mutter hat geweint und hatte Angst, mein Opa tröstete sie und sagt, es würde schon nichts passieren. Bei unserem ersten Spaziergang über die Grenze blieb mein Vater zu Hause, weil er angeblich krank war. Ich denke, er hatte Angst, verhaftet zu werden.

Spielt die Kindheit in der DDR in Ihrer künstlerischen Arbeit eine Rolle?

Ich möchte nicht als das Kind aus der DDR auftreten, aber natürlich bin ich davon beeinflusst. Über Erinnerungsbilder kommt dieses Thema immer wieder zu mir zurück und findet dann auch Eingang in meine Arbeit. Im vergangenen Jahr habe ich ein Künstlerbuch gemacht, in dem ich Materialien aus dem DDR-Alltag, wie Tapeten, verwendet habe. Ich habe sie gebunden und Fotos aus meiner Kindheit und Seiten aus meinem Poesiealbum, aber auch die handschriftliche Verpflichtungserklärung meines Vaters für die Stasi gedruckt habe.

Lässt sich das auf Ihre Musik-Projekte übertragen?

2010 habe ich meine erste Band gegründet, die hieß Günther Mehnert. Zu diesem Namen kam es folgendermaßen: Eines Tages bekam ich von einem Notar einen Brief, in dem es die Erbschaft von einem Günther Mehnert ging. Ich erfuhr dann, dass meine Oma einen verrückten Bruder hatte, der so hieß. Das Erbe habe ich ausgeschlagen, er hatte hohe Schulden. Gleichzeitig begann ich mich kritisch mit Schlagertexten zu beschäftigen, mit Deutschtümelei und falschen Glücksversprechen. In meiner Band haben wir Schlagertexte mit brutalen Industrial Sound unterlegt. Ich habe mir diesen Günther Mehnert als jemanden vorgestellt, der dumpf zu Hause in seinem Sessel saß und Schlager hörte.

Von Radek Krolczyk

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