„Man kann alles machen“

Kuratorin Fanny Gonella zieht nach vier Jahren in Bremen Bilanz

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„Künstler sein und Bequemlichkeit gehören für mich nicht zusammen“: Fanny Gonella, hier noch an ihrem alten Arbeitsplatz im Künstlerhaus Bremen.

Bremen - Von Radek Krolczyk. Vor fast vier Jahren übernahm Fanny Gonella die kuratorische Leitung des Bremer Künstlerhauses. Nun ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Im Interview spricht Gonella über das, was vor ihr liegt, und ihre Arbeit in den vergangenen Jahren.

Im kommenden Frühjahr übernehmen Sie die Leitung des FRAC Lorraine, kurz für Fonds régionaux d’art contemporain Lorraine, ein bedeutendes Kunstinstitut in der französischen Stadt Metz. Was haben Sie für einen Eindruck von der Stadt?

Fanny Gonella: In Frankreich gibt es nur drei Städte mit mehr als einer halben Million Einwohnern: Paris, Marseille und Lyon. In Metz leben 125. 000 Menschen.

In Deutschland wäre eine Stadt dieser Größe eine kulturelle Einöde. Ist das in Frankreich anders?

Gonella: Metz ist kein Dorf. In der Agglomeration wohnen 600 .000 Menschen.

Was genau ist ein FRAC?

Gonella: Die Idee kommt aus den 80er-Jahren, ein früher Versuche der Dezentralisierung in Frankreich. Jede der 22 Regionen bekam ihr eigenes FRAC. Es hat die Aufgabe, zeitgenössische Kunst zu sammeln, sie auszustellen und die Region damit zu bespielen. Jedes FRAC hat sich unterschiedlich entwickelt. Manche haben Schwerpunkte in Architektur oder Fotografie.

Welchen Schwerpunkt hat das FRAC in Metz?

Gonella: Die Sammlung ist besonders – die meisten Kunstwerke dort sind immateriell.

Wie kann man sich das vorstellen?

Gonella: Ein Großteil der Sammlung besteht aus Anweisungen, Partituren und Protokollen. Vieles bezieht sich auf vergängliche Formen wie Performances oder Installationen, die sich erst im Laufe der Ausstellung entwickeln. Die Basis dieser Institution ist deshalb physisch schwer greifbar. Ich mag die Herangehensweise, merke aber auch, dass sie Schwierigkeiten mit sich bringt.

Was für Werke sind das?

Gonella: „Fog“ von Veronika Janssen zum Beispiel basiert auf einer Sammlung verschiedener Arten von Nebel. In der Sammlung gibt es ein Aufführungsprotokoll, in dem aufgelistet ist, welche Materialien und Bedingungen nötig sind und wie groß der Raum mindestens sein muss, in dem man sie zeigt. Man hat gleichzeitig alles und kann die Arbeit trotzdem nicht einfach so erfahren.

Was interessiert Sie besonders an der Sammlung in Metz?

Gonella: Mir gefällt, dass meine Vorgängerin sich dafür engagiert hat, dass Frauen in der Sammlung gleichberechtigt angekauft werden.

War das Programm dort entscheidend dafür, dass Sie sich beworben haben?

Gonella: Der FRAC in Metz ist bekannt für Qualität. Dass ich dort gelandet bin, war aber eher Zufall. Meine Stelle lief aus, die der Leitung dort wurde ausgeschrieben. Es war die erste Stelle, auf die ich mich beworben hatte.

Ihre beiden Vorgängerinnen am Künstlerhaus haben nach ihrer Bremer Zeit Karriere gemacht. Susanne Pfeffer war Chefkuratorin der Berliner Kunst-Werke, leitete das Kasseler Fridericianum, im nächsten Jahr wird sie Direktorin des Museums für Moderne Kunst Frankfurt. Stefanie Böttcher leitet die Kunsthalle Mainz. Beide haben in diesem Jahr Pavillons der Biennale in Venedig bespielt. Dabei ist das Künstlerhaus der kleinste Ausstellungsort Bremens.

Gonella: Das Künstlerhaus hat seit der Gründung 1992 ein überragendes Programm. Schon Ende der 90er-Jahre hatten Erwin Wurm und Thomas Hirschhorn dort Einzelausstellungen. Heute sind sie weltberühmt. Die Show des amerikanischen Videokünstlers Kenneth Anger 2006 war eine Sensation.

Woran liegt das?

Gonella: Man hat an diesem Ort viele Freiheiten und kann alles machen, muss aber auch alles selbst machen können! Außerdem haben Künstler ein gutes Gespür dafür, Leute für die Ausstellungsleitung auszusuchen – und im Vorstand sind fast nur Künstler.

Warum haben Sie sich aus Bremen wegbeworben? Wäre die Leitung der Weserburg nichts für Sie gewesen?

Gonella: Ich bin sehr gerne in Bremen, aber nein.

Warum nicht?

Gonella: Das Museum ist durch die Debatten um die Finanzierung und um den Umgang mit den verpassten Schenkungen vorbelastet. Ich erinnere mich nie, wo ich welche Arbeiten gesehen habe, und finde die Räume unübersichtlich. Es ist gut, wenn das Museum unter der neuen Direktorin Janneke de Vries sich deutlich umgestaltet.

Sie waren vier Jahre lang in Bremen. Wie war Ihr Ankommen?

Gonella: Es war toll. Die Szene war offen, die Leute waren neugierig. Alle wollten wissen, wer die Neue ist.

Das klingt zu schön.

Gonella: Es gibt natürlich auch Probleme. Das Künstlerhaus ist außerhalb Bremens bekannter als in der Stadt. So geht es vielen Institutionen hier. Niemand hat das Budget, um über seine Aktivitäten zu kommunizieren. Die Kunsthalle mag da eine Ausnahme sein.

Sie haben sich auch kulturpolitisch engagiert. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Gonella: Wir entwickeln in einer Arbeitsgruppe mit den Künstlerverbänden und der Kunsthochschule Fördermaßnahmen. Dabei geht es vor allem um Residenz- und Austauschprogramme. Die Leute müssen die Möglichkeit haben, rauszukommen. Und es fehlt der Blick von außen. Gelungen ist es immerhin, Besuche externer Kuratoren in Bremer Ateliers zu ermöglichen.

Es heißt, Bremen habe kein Geld.

Gonella: Es gibt ein Budget, auch wenn es klein ist. Die Frage ist, wie man das wenige Geld sinnvoll einsetzt. Prozesse wie die Vergabe der Projektmittel für die freie Szene im Bereich bildender Künste sind leider nicht transparent. Kaum jemand versteht, welche Summen genau zur Verfügung stehen. Ab diesem Jahr gibt es wenigstens die Möglichkeit zu erfahren, welche Projekte in dem Bereich gefördert worden sind. Ich finde es gut für die Künstler, dass sie dadurch eine Anerkennung bekommen. Aber wie es zur letztendlichen Entscheidung durch die Kulturdeputation mit den Projektanträgen kommt, verstehe ich bis heute nicht ganz. So geht es vielen. Es gibt solche Förderstrukturen in jedem Bundesland. Sie sind essenziell und führen zu Diversität. Ohne sie stirbt die Kunstszene einer Stadt.

Was ist spezifisch an der Bremer Kunstszene?

Gonella: Der konzeptuelle Ansatz ist sehr stark. Es hat seine Vorteile, aber ich habe mich manchmal nach mehr Spontaneität und Unregelmäßigkeiten gesehnt. Die Orientierungspunkte und Referenzen waren mir oft unbekannt, umgekehrt waren die Leute, die mich interessieren, hier kein Begriff. Immerhin konnte man sich darüber austauschen und intensive Diskussionen führen. Das ist nicht immer so. Man kann in Bremen gut leben, aber hier auch sehr schnell bequem werden. Künstler sein und Bequemlichkeit gehören für mich nicht zusammen.

Ist die Bremer Kunstszene inzestuös und zu wenig neugierig?

Gonella: Das sind Ihre Formulierungen. Ich denke, die Szene ist so selbstbezogen, weil sie so groß ist. Sie ist so vielfältig, dass man das Gefühl bekommt, sie reicht vollkommen aus.

Gibt es Bremer Künstler, die Sie in Metz zeigen werden?

Gonella: Ich mache zunächst eine Veranstaltung mit Daniel Meißner, der interdisziplinär mit Text, Musik und Performance arbeitet. Ich schätze auch die Herangehensweise von Dieter Schmal, der derzeit auf dem Dach der Kunsthalle seine Bienenstöcke pflegt. Der macht das mit so viel Ruhe und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Das gefällt mir wirklich gut. Außerdem ist Honig so unglaublich politisch geworden. Es gibt im FRAC einen wunderbaren Garten, in dem man so etwas vielleicht machen könnte.

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