SERIE: RÜBERGEMACHT Jens Fleischer, Buchhändler und Konzertveranstalter

„Man fand es langweilig und schlecht“

Zwischen Bücher und Platten: Jens Fleischer.
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Zwischen Bücher und Platten: Jens Fleischer.

Bremen – Als die Mauer fiel, war Jens Fleischer gerade einmal neun Jahre alt. 1980 kam er in Rudolstadt in Thüringen auf die Welt. 2000 zog er nach Bremerhaven, bald darauf nach Bremen. Heute ist er Inhaber der Buchhandlung Hübener in Bremerhaven. Mit der Konzertgruppe Sissi & die Chinesische Wäscherei veranstaltet er Konzerte, als Musiker tritt er unter dem Namen Winkhorst Reisen auf. Was das kulturelle Erbe der DDR für ihn bedeutet, hat er unserer Zeitung erzählt. 

An welche musikalischen Vorwendemomente können Sie sich heute noch erinnern?

Ich bin mit Hitparaden und den Chorproben meiner Uroma aufgewachsen. Für mehr Kultur blieb keine Zeit. Wir wohnten in einer Siedlung in Rudolstadt, die in 20er-Jahren gebaut wurde, über den Eingängen standen völkische Phrasen. Meine Mutter war alleinerziehend, arbeitete als Sachbearbeiterin in einem Dachpappenwerk. Während ihres Studiums wurden wir von der Staatssicherheit beobachtet. Der Grund war, dass auf unserem Sofa über zwei Jahre eine Frau wohnte, die wegen ihrer Westverbindungen in Ungnade gefallen war.

Gab es in der DDR etwa keine Massenkultur? Fernsehen, Radio und Illustrierte kamen doch auch dort in jedem Haushalt vor, oder nicht?.

Ich habe selten eine Folge der „Aktuellen Kamera“ gesehen, bei uns lief immer nur Westradio, zum Beispiel Bayern drei. So habe ich meine ersten Mix-Kassetten aufgenommen, mit banaler westlicher Chartmusik. Obwohl ich in der DDR aufgewachsen bin, habe ich als Kind ostdeutsche Musik kaum mitbekommen. Wenige Jahre nach der Wende allerdings hat mit der Leiter des Jugendfreizeitheims dessen Amiga-Schallplattensammlung überlassen, damit ich sie auf dem Flohmarkt verkaufe. Amiga war das Staatslabel der DDR. Das waren etwa 300 Platten, verkauft habe ich davon nur wenige, also behielt ich den Rest. Es war der Grundstock einer heute riesigen Plattensammlung.

Direkt nach der Wende waren diese Platten nicht interessant?

Ostalgie war noch kein Thema, und die Schallplatte galt als Medium total veraltet. Heute weiß ich einige dieser Platten zu schätzen, etwa ostdeutsche Boogie- und Jazzmusik. Darunter waren auch einige westliche Lizenzpressungen.

Wann wurde Ihnen der Wert ihrer Sammlung denn zum ersten Mal bewusst?

1996 hatte auf einer Party eines Freundes einen kompletten Abend lang Quartett-Singles aufgelegt. Das war eine Serie von Platten aus der DDR, die vier Hits eines Interpreten enthielten, aus dem Osten, aber auch aus dem Westen. Da habe ich gemerkt, dass es möglich war, die DDR-Musik wieder zu entdecken. Man ging bis dahin recht unromantisch mit diesem Erbe um, man fand es hässlich, langweilig und schlecht. Durch die zeitliche Distanz war es wieder möglich geworden, sich diese Musik anzueignen.

Welche Musik war für Sie damals wichtig?

Das waren junge, tourende Punk-Bands auf kleinen Konzerten. Dazu gehörte ein ganzer Lebensstil, mit Selbstorganisation und antifaschistischer Politik. Ich ließ mir selbstkopierte Hefte schicken und habe am Telefon Platten bestellt. In Rudolstadt fand so etwas nicht statt, ich musste mindestens nach Schleiz, Erfurt oder Leipzig fahren.

Zu welchem Zeitpunkt hat Sie die Musik aus der DDR wieder eingeholt?

Das war in Bremerhaven, wo ich im Jahr 2000 hingezogen bin. Es gab dort den Plattenhändler Adem Mahmutoglu, der mich auf Manfred Krug & das Günther-Fischer-Quintett aufmerksam machte. Die Musik war fantastisch, in meiner Amiga-Sammlung befanden sich auch einige ihrer Alben. Ich musste erst nach Bremerhaven kommen, um darauf aufmerksam zu werden. Die Sammlung hatte ich in Rudolstadt gelassen. Die Platten von Manfred Krug habe ich dann bald nach Bremerhaven geholt. Ein mehr biografisches Erlebnis war für mich die Entdeckung der Platten von Reinhard Lakomy in meiner Sammlung. Der hat mit Synthesizern Musik gemacht, sein bekanntestes Album war für Kinder, es heißt „Der Traumzauberbaum“. Zu dieser Musik hielt ich im Kindergarten Mittagsschlaf.

Wie steht es um das Wissen über Ostkultur hier im Westen?

Für meine Generation waren Identität und Zukunft nach der Wende unklar. Das Alte war plötzlich weg, wir wussten nicht, was kommen würde. Ich habe in meiner Buchhändlerausbildung gemerkt, dass ich eine ganz andere Jugendliteratur kennenlernen musste. Im Osten gab es eine Reihe, die hieß „Die kleinen Trompeterbücher“. Diese Literatur wurde nach der Wende abgewickelt. Stattdessen musste ich mich mit all diesen schwedischen Autorinnen und Autoren, mit Lindgren und Nordquist, anfreunden.

In Ihrer Plattensammlung befinden sich vergleichbare Konvolute, die Sie auf Reisen gekauft haben.

Die Auseinandersetzung mit der Musik eines Landes gehört für mich zum Reisen dazu. Ich bereite mich meist vorher darauf vor, forsche nach Musik, die mich interessiert, um einen Ansatzpunkt zu haben. In Tansania etwa gibt es überall kleine Kioske, die Musikkassetten verkaufen. Die Verkäufer reagierten oft verstört, wenn ich als Europäer gezielt nach alter tansanischer Musik gefragt habe. Ich hatte damals einen tollen Taarab-Sampler dabei, den ich den Verkäufern vorspielen konnte, damit sie wussten, was ich suchte. Wir haben diesen Sampler dann abends mit dem Strandbarkeeper gehört. Für die Einheimischen war das seltsam, weil sie so plötzlich mit ihrer alten Musik konfrontiert wurden und einen Zugang fanden. Ähnlich wie bei mir und meinen DDR-Platten.

Von Radek Krolczyk

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