Das Künstlerhaus Bremen blickt auf die Sinnkrisen unseres Frauenbilds

Wie Mama es macht, ist es verkehrt

Aller Kritik zum Trotz: Eine Lösung für die Probleme von Frauen in diesen Tagen hat auch Dafna Maimon nicht. Foto: künstlerhaus bremen

Bremen - Von Jan-paul Koopmann. Wenn Frauen keine Kinder haben wollen, bekommen sie dafür gesellschaftlichen Druck mit voller Breitseite zu spüren. Das ist schon lange so. Etwas neuer ist hingegen, dass auch Frauen, die sich für Kinder entscheiden, regelmäßig einstecken müssen. Weil sie zum Beispiel auf der Arbeit ausfallen und man sie dafür nicht mehr ganz so leicht rauswerfen kann wie früher. Was unterhalb der alltäglichen Gängeleien gärt, ist Sexismus – und das gleich in mehrere Sinnkrisen zerfallende Frauenbild unserer Gesellschaft.

An der Wurzel behandelt hat das die Künstlerin Dafna Maimon – wie genau, ist ab Samstag im Bremer Künstlerhaus zu sehen. Schon ihr Ausgangspunkt ist überraschend: Dafna Maimon hat sich mit der historischen Figur Mary Mallon befasst, die als erster nicht selbst an Typhus-Träger in den USA traurige Berühmtheit erlangte. In der Ausstellung verstreut liegen Reproduktionen eines Zeitungsartikels über „Typhus-Mary“, illustriert mit der Zeichnung einer Köchin, die eine dampfende Pfanne mit kleinen Totenköpfen würzt. Mit Schwangerschaft hätte das nichts zu tun, wären da nicht diese konkurrierenden Bilder der fürsorglichen Köchin und der grausamen Verseucherin.

Und dann heißt sie auch noch Mary, wovon es schon in der Bibel gleich mehrere gibt – die auch hier mustergültig Frauenstereotype abbilden und sie in der abendländischen Kultur festgeschrieben haben. In ihrer Berliner Performance „Wary Mary“ hat Dafna Maimon die Marien in funkelnden Samtkostümen auftreten lassen und sie durch die verschiedenen Stadien werdender Mutterschaft begleitet: von idealisierten Vorstellungen über Zweifel und Rebellion bis zum mystischen Gebären des Anderen.

Gar nicht genug betonten kann man, wie geschickt die von Künstlerhaus-Chefin Nadja Quante kuratierte Ausstellung dieses Geschehen nun einfängt. Denn dass die Kunst zurzeit mit Hochdruck ins Performative drängt, tut dem Ausstellungsbetrieb nun bekanntermaßen nicht gerade gut. Die Museen sind überfüllt mit Fotos von Performern, die ihre Ausdruckskraft erklärtermaßen in einen Moment gesteckt haben – der eben längst vorbei ist.

Was im Künstlerhaus viel interessanter ist, war auch für die Künstlerin ein bemerkenswerter Schritt: Dafna Maimon kommt seit ihrer Ausbildung in den Niederlanden eigentlich von der Skulptur, ihre Performances plant sie in zeichnerischen Skizzen. In Bremen zu sehen ist nun eine Weiterentwicklung – wie bereits der Ausstellungstitel „Mutating Mary“ anreißt – mit einem Rückgriff auf diese Ursprünge. Dafna Maimon hat die Stationen der Performance auf runde Papiergebilde gezeichnet, die wie Knäuel an den Wänden wuchern: Grobe Skizzen von weiblichen Körpern und Bewegungsabläufen, die symbolisch aufgeladen sind und (angesichts des ja nun wirklich drängenden Sujets) erstaunlich deutungsoffen. Es geht von abstrakten Idealvorstellungen, Selbstvergewisserung und Bedauern bruchlos zu konkreten Handlungen über: zum Telefonat der neuen Mutter mit ihrer eigenen etwa.

Dazwischen stehen die anderen Zutaten der Performance: eine meterlange Zunge aus Textil und PU-Schaum, die mit Heu ausgestopften Schwangerenkostüme und immer wieder durchgekaute Kaugummis. Die Bedeutung liegt mal auf der Hand und ist dann wieder so tief in Widersprüche und Ambivalenzen verstrickt, wie das Thema nun mal selbst. Eine endgültige Lösung für die Missstände hat natürlich auch Dafna Maimon nicht. Beschäftigen kann man sich mit ihren Impulsen umso länger – und eben mit diesem außerordentlich erfrischenden Ansatz, den performativen Schwung der Kunstszene museal aufzubereiten, ohne ihn dafür zu verstümmeln. Naja, und wer es nun gar nicht ohne aushält: zur Finnissage am 17. November steht dann auch doch noch eine neue Performance an.

Selbst sehen

Dafna Maimon: „Mutating Mary“ ist bis zum 17. November im Künstlerhaus Bremen zu sehen.

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