„Im Schatten des Unrechts“ Opfer des Stalinismus erinnern sich / Filmpremiere in Bremen

Mama hatte immer Angst

Leben im Stalinismus: Zeitzeuginnen berichten von ihren Erfahrungen.

Von Wilfried HippenBREMEN (Eig. Ber.) · In Russland wird gerade Stalin rehabilitiert. In neuen Schulbüchern wird er als der große Kriegsherr gegen den Faschismus dargestellt und zugleich sein Terrorregime zum notwendigen Übel umgedeutet.

Sogar der Regisseur Nikita Mikhalkov, dessen Spielfilm „Die Sonne, die uns täuscht“ noch Anfang der neunziger Jahre eine subtile Beschreibung des stalinistischen Schreckens gewesen war, schlug im letzten Jahr mit der bombastischen Fortsetzung ganz andere Töne an. Das Bild vom starken Mann an der Spitze des Landes ist offensichtlich nützlich für Putin, und so wird wieder einmal die Geschichte von den Herrschenden geschrieben.

Umso wichtiger sind Arbeiten gegen das Vergessen, und eine solche hat der in Bremen ansässige Dokumentarfilmer Wilhelm Rösing mit „Im Schatten des Unrechts“ geleistet. Sein Projekt ist in mehrfachem Sinne eine Familienproduktion. Zum einen musste er Ehefrau und Sohn einspannen, weil er sich bei dem ihm zur Verfügung stehenden Mikro-Budget (jeweils ein paar tausend Euro vom Filmbüro, der Landesmedienanstalt und anderen Institutionen) kein Team für die Dreharbeiten leisten konnte, zum anderen brachte ihn sein Sohn Josua in Kontakt mit den drei Protagonistinnen. Dieser leistete seinen Zivildienst bei der Aktion Sühnezeichen in Russland ab, wo er sich bei der Menschenrechtsorganisation Memorial um alte Menschen kümmerte, die im stalinistischen und später sowjetischen System verfolgt wurden. Drei von diesen über 90-jährigen Frauen beeindruckten ihn so, dass er seinen Vater dazu anregte, diesen Film über sie zu drehen.

Jewdokia Alexandrowna, Tamara Alfredowna und Natalia Michailowna leben unter ärmlichen Verhältnissen in Sankt Petersburg. Wilhelm Rösing hat sie mit seiner Kamera besucht und einfach erzählen lassen. Sein Film ist ein Paradebeispiel für das Konzept der „oral history“ mit allen Vor- und Nachteilen. So erzählen sie sehr plastisch und mit einem oft erstaunlichen Reichtum an Details ihre Lebensgeschichten. Eine war Tochter eines Priesters, der schon während der Revolution umkam, die Familie der anderen kam aus Lettland und wurde brutal aus dem Dorf, in dem sie sich einen bescheidenen Wohlstand erwirtschaftet hatte vertrieben, die dritte war Tochter von Kommunisten, die noch vor der Revolution nach Sibirien verbannt wurden und sich dort kennen lernten.

Die eine fragte als kleines Kind vor dem aufgebahrten Leichnam Lenin, warum man ihn nicht am Fuß kitzeln würde, denn davon würden die Erwachsenen doch immer aufwachen. Die andere erlebte ebenfalls als Kind, wie ihr „Väterchen“ halb tot geschlagen wurde und „über Nacht grau wurde“.

So wechseln in den Erzählungen Episoden, die das Lebensgefühl der jeweiligen Zeit anhand von persönlichen Erlebnissen heraufbeschwören mit schrecklichen Erinnerungen, die die Frauen bis heute traumatisiert haben. „Mama hatte immer Angst“ erzählt Galina Sergejewna Gamper, die Tochter von Natalia Michailowna, eine Schriftstellerin, die an Kinderlähmung leidet. Rösing ist es gelungen, die drei Frauen aus dem Schatten des Vergessens heraustreten zu lassen.

Die Dokumentation des Bremer Filmemachers hat heute um 20.30 Uhr im Kino 46 Premiere und wird morgen um 18 Uhr wiederholt.

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