Vor Fassaden und in Farbräumen: Daniel Behrendt in der Städtischen Galerie Delmenhorst

Ein Maler sieht grau

Daniel Behrendt: Balkon. 2009 (Öl/Lwd)

Von Rainer BeßlingDELMENHORST · Am Anfang steht der Besucher vor einer grauen Mauer. Bildlich gesehen. Die monochrome Farbtafel füllt die Stirnwand im Flur des 1. Stocks der Städtischen Galerie Delmenhorst.

Wände schließen Räume ab und Besucher aus und machen auf ein Dahinter neugierig. Bilder stellen in der Regel etwas aus oder dar und laden in ihren eigenen Raum ein. Die Malerei von Daniel Behrendt liegt genau dazwischen.

Farbsatt ziehen seine Bilder die Blicke auf ihre stoffliche Präsenz, wobei der Begriff „Farbe“ bei dem vorzugsweise verwendeten Grau zumindest fraglich ist. Doch in der „Unfarbe“ verbergen sich bekanntlich das gesamte Spektrum des Kolorits und beide Pole der Lichtbrechung – und daran knüpft sich die Rückseite von Behrendts Kunst. Sie verweist den Betrachter über die Malerei hinaus, schafft eine undurchdringliche Tiefe, die den Ausstellungsraum mit Spannung auflädt und ein Innenleben des Bildes suggeriert.

In früheren Arbeiten des Bremer Künstlers rufen noch die Motive selbst diese Korrespondenz hervor. Fassaden großer Wohnblocks und trister Reihenhäuser füllen große und kleine Formate und deuten nur in Gestalt schmaler Fenster einen Austausch zwischen abgeschotteter Innen- und ausgegrenzter Außenwelt an. Die Fenster erscheinen wie ausgesparte oder eingelassene Fremdkörper in dieser Wändewelt. Behrendt unterstreicht diesen Kontrast durch unterschiedlichen Farbauftrag.

Wenige Wohnattribute, eher hilflose Dekorversuche, wie Markisen und Vorhänge ließen sich als erzählerische Zugänge lesen. In den Kissen auf einem Balkon oder an der Decke, die im Glasvorbau vor der Sonne schützt, sind Spuren menschlicher Anwesenheit und Tätigkeit erkennbar. Doch die Stoffe tragen auch Ornamente, die sich zu den Rasterstrukturen der Fassaden und den Linien der strengen Architektur fügen. So dominiert in der Figürlichkeit, die eine belebte Wirklichkeit schildert, letztlich doch die Form. Flächen und Farben schieben sich in den Vordergrund. Die Malerei selbst ist auch schon hier die Hauptfigur des Bildes.

Die Delmenhorster Präsentation, die noch auf die Programmplanung der früheren Galerieleiterin Barbara Alms zurückgeht, zeigt nicht nur neueste Bilder Behrendts. Sie zeichnet, „aufsteigend“ zumindest über zwei Etagen, die jüngere Entwicklung des Bremers nach: von der Reduktion des Gegenstands zur abstrakter Formstrenge, über Monochromie und Farbmaterialität schließlich zu „Farbinstallationen“, wenn man das so nennen kann. Dabei streut die Schau immer wieder Brüche ein, wenn zum Beispiel am Weg zu grauen Farb-Raum-Arbeiten mit Boden und Wandgrau im obersten Stock Papierarbeiten mit figürlich ausgestalteten Fenster-Stoffen zu sehen sind. Und im letzten Raum hängen puren Farbreliefs Porträts gegenüber, über die sich der Aura befördernde und Innenleben suggerierende Vorhang der Unschärfe gelegt hat – so als wolle der Künstler das ganze Spektrum ausmessen, in dem Malerei als Schwelle zwischen verschiedenen Räumen auftreten kann.

Zu diesem Aspekt fügen sich zwei über die Etagen verteilte Installationen. Die erste schließt ein sonst genutztes Zwischenkabinett mit zwei großen grauen pastosen Farbwänden ab. Was die Tafelbilder als visuelles Ereignis schaffen, erweitert die Raumarbeit nun zur körperlichen Begegnung. Eine Öffnung in einen Raum beschreibt die zweite Installation. Doch die graue Kerbe schließt Blick und Zugang ebenfalls ab. Der Spalt gewährt nicht wirklich Einsicht. So transformiert Behrendt hier die eher absperrenden Fenster in grauen Hausfassaden zum abstrakten Raumkörper, der die Betrachterperspektive zum Thema macht. Auch wenn der Blick eine Kerbe schlägt, bleibt das Bild verschlossen. Immerhin reizt seine Oberfläche zu immer neuen Versuchen. Diese Leistung macht Behrendts Malerei in einem konsequenten, Gedanken fördernden Minimalismus und einer sinnlichen Stofflichkeit spürbar.

Daniel Behrendt. Grau. Städtische Galerie Delmenhorst, bis 23. Januar.

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