Unendlichkeit als Requisite

Maler David Bormann in Wilhelmshaven

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David Borgmann: „o.T.(ST 25)“, 2017, 130 x 150 cm, Öl auf Leinwand.

Wilhelmshaven - Von Radek Krolczyk. Wenn Motive einfach und klar erscheinen, dann sind sie es meistens nicht. Diese Erfahrung macht der Besucher in der aktuellen Ausstellung der Kunsthalle Wilhelmshaven. Dort läuft gerade eine Einzelshow des jungen Malers David Borgmann. Dieser hatte im letzten Jahr den Nordwestkunstpreis gewonnen, zu dem auch die Ausstellung gehört.

Borgmanns Bilder zeigen in ihrer sehr starken malerischen Reduktion im Grunde die immerselbe Sache: Einfarbige, glatte Flächen und ruhige Strukturen sind zu Landschaften angeordnet. Zu sehen sind auf den meist großformatigen Leinwänden nächtliche Szenen am Meer: kahle Felsen, dunkler Himmel, noch dunkleres Meer. Manchmal ist im Bildvordergrund ein kleines Pflänzchen platziert. Im Gegensatz zum Rest der Umgebung ist die Farbe hier nicht massiv, sondern fast gestisch aufgetragen. Es wirkt wie eine mögliche Bruchstelle, viel Hoffnung hat man jedoch nicht. 

Dem gegenüber steht wie ein großes Versprechen der Titel: „It will also change“. Denn nicht nur die Pflanzen haben es schwer in Borgmanns Welten, Menschen oder Tiere gibt es erst gar nicht. Möglicherweise sind sie schon vor einer ganzen Weile verschwunden, möglicherweise konnten sie sich gar nicht erst entwickeln. Zu unwirtlich erscheint diese Umgebung – zu kalt, zu finster und zu leer.

Wucht der dunklen Farben

Auch wenn es keinerlei Anzeichen für vergangene oder gerade vergehende Gesellschaften gibt, handelt es sich um ein Bildvokabular, das der Dystopie näher ist als der Erzählung von der Entdeckung unberührter Natur. Das liegt an der Wucht der dunklen Farben, an der Dramatik, die entsteht, wenn sich eben genau jene voreinander schieben oder aneinander knallen. Nur bleiben sowohl Farben als auch Naturformationen ganz selbstgenügsam. Eine Metaphorik wie in der deutschen Romantik, die ein Eismeer zeigt und gesellschaftliche Stagnation meint, ist in Borgmanns Bildern eher nicht enthalten.

So unwirtlich David Borgmanns Landschaften zu sein scheinen, so unwirklich sind sie auch. Dabei sind sie auf die Grundelemente reduziert. Was bliebe von der Welt, wenn auch noch Felsen, Meer und Himmel verschwinden würden? Wahrscheinlich nichts. Das Falsche denkt der Betrachter meist in der Form von Dekor, als eine täuschende Hülle, als Requisite oder Verkleidung.

Roh und unverfälscht

Nun sind die Elemente in Borgmanns Bildern roh und unverfälscht. Es ist nichts Zeitliches in ihnen und nichts Soziales. Es gibt nur eine Tages- und auch nur eine Jahreszeit. Der Mensch hat diese Natur nicht gemacht, sie ist wohl ganz von selbst so geworden und wird für immer bleiben. Dies ist zumindest der Eindruck, der sich beim Betrachten einstellt. Was aber, wenn dieser letzte Grund nur Requisite ist? Dann ist die ganze Welt bis in ihre grundlegendsten Bestandteile bloß eine Inszenierung. 

Die Dramatik, die entsteht, wenn auf diesen Leinwänden die Farbflächen aneinanderstoßen, verweist eben auch auf die Illusion eines Szenenbildes – sei es im Film oder im Theater. Tatsächlich sieht man an den Rändern mancher Bilder Vorhänge, die so massiv wirken wie Felsen und Felsen, die so leicht und durchscheinend wirken, als wären sie Vorhänge. Manche Felsen auf Borgmanns Bildern werfen Falten.

Funktion bestimmt die Form

Als Bühnenbilder wiederum sind diese Landschaften ganz und gar von Menschen gemacht. Bedrohlich ist der Gedanke, dass hinter diesen Bühnenbildern nichts Weiteres zu finden wäre. Bedrohlich, weil das Nichts nicht denkbar ist. Zu versuchen, das Nichts zu denken, stellt schließlich die eigene Existenz infrage. Kann man selbst überhaupt sein, wenn all das, was man zu erkennen meint, in Wirklichkeit gar nicht ist? Und wenn man doch sein sollte, schwebt man in der Leere.

In der Wilhelmshavener Ausstellung ist ein Bild zu sehen, das den Bezug zum Theater, zum Bühnenraum selbst thematisiert. Felsen, Himmel und Meer sind darauf zur Innenansicht eines Kubus angeordnet. Ihre Kanten schließen sauber miteinander ab. Der dargestellte Raum wirkt wie die Übererfüllung eines Bühnenbildes. 

Geht man von der Malerei aus, sind die perspektivisch zusammengefügten fünf Flächen – drei Seiten, Boden und Decke – eine Art umgekehrter Shaped Canvas: Nicht die Form der Motive bestimmen die Form der Wände – die Funktion bestimmt ganz im Gegenteil die Form der Motive. Ein einfaches, klassisches Bühnenbild fürs Theater ist eine auf Leinwand gemalte Landschaft. Warum nicht eine reduzierte, mit wenig mehr als Felsen, Meer und Himmel? Völlig trostlos, völlig finster.

Ausstellung bis zum 11. März

Eine weitere Form der Derealisierung dieser Landschaften ist ihr digitaler Anteil. Nicht, dass Borgmann die Motive seiner Bilder programmiert und sie selbst bedruckt hätte – einige von Gerhard Richters abstrakten Serien etwa entstehen scheinbar ganz zufällig am Computer. Aber gewisse Aspekte verweisen auch durchaus auf eine digitale Genese. Da wären die beinahe monochromen Flächen, die den Himmel bilden. Man sieht kaum Spuren, die auf einen manuellen malerischen Entstehungsprozess verweisen. Kaum Pinselstriche sind zu erkennen, die Lichtverläufe sind fließend. 

Die Strukturen der Felsen oder auch mancher Pflanzen hingegen treten stark hervor. Allerdings entwickeln sie sich nicht als Topografie, sondern als Textur. Es scheinen immer wieder dieselben Fragmente zu sein, aus denen sich etwa eine Felswand zusammensetzt. Wie eine digitale Collage vielleicht. Eines der ausgestellten Bilder hat an den Rändern ein Raster, wie man es in Grafikprogrammen verwendet. Es scheint schließlich so, als sei selbst das am meisten Manifestierte inszeniert oder sogar entworfen.

Die Ausstellung ist bis zum 11. März zu sehen.

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