„Mädchen und Jungen“: Theater Bremen zeigt die Bruchstellen einer Familie

Mein Sohn, mein Ebenbild

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Schlecken können sie, was das Zeug hält, aber wenn es um ihre Zukunft geht, sind die Jungen von heute für nichts zu gebrauchen: Gregory (Robin Sondermann, l) und sein Kumpel Bertrand (Johannes Kühn, M.) machen sich an Lieske (Nadine Geyersbach) ran.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Ach, gäbe es die Frauen nicht, das Leben für uns Männer wäre so viel einfacher! Der Alltag ließe sich zuverlässig nach einem klar strukturierten Fahrplan organisieren, das Einkaufen dauerte nur noch fünf Minuten, und so mancher hysterische Streit bliebe uns erspart. Es wäre aber auch, seien wir ehrlich, sehr viel trauriger.

Genau darin besteht die Crux für Männer wie den reichen Strumpffabrikanten Philip (Martin Baum). Ohne Frau nämlich – oder besser gesagt: ohne gesunde Frau – ist das Leben plötzlich so leer geworden. Weshalb ihm die hübsche Tania (Lisa Guth) wie gerufen kam für eine kleine Affäre zwischendurch. Doch jetzt ist die Gattin (Susanne Schrader) genesen, das Familienglück wieder komplett und Tania Gott sei Dank aus seinem Leben verschwunden.

Also alles in Butter, der Alltag wieder angepasst an den klar strukturierten Fahrplan? Wer daran glaubt, kennt die Frauen nicht. Denn plötzlich steht Tania wieder auf der Matte, gemeinsam mit ihrer Punker-Freundin Lieske (Nadine Geyersbach). Sie haben sich heimlich in den Garten (Bühne: Thomas Rupert) geschlichen, um die beiden im Pool planschenden Halbstarken, Gregory und Bertrand (Robin Sondermann und Johannes Kühn), zu necken. Dass Gregorys Papa ausgerechnet der reiche Sack ist, mit dem Tania mal eine Affäre hatte: kaum zu glauben!

„Mädchen und Jungen“ heißt das Stück, das am Donnerstagabend am Theater Bremen Premiere hatte. Sein Autor, der Belgier Arne Sierens, bringt darin die Bruchstellen einer Familie zur Geltung und nutzt die Figur der Geliebten als Spaltkeil. Das klingt zunächst nach einem recht schlichten Plot, und tatsächlich hält dieses Stück so manchen boulevardesken Schenkelklopfer parat – von verlorenen Badehosen bis zu zerdepperten Ming-Vasen.

Und doch steckt mehr in dieser komödiantischen Leichtigkeit. „Mädchen und Jungen“ erzählt von gescheiterten Hoffnungen: von Erwartungen, die Väter in Söhne und Söhne in Väter setzen. Und von der Liebe, die sich oftmals jemandem zeigt, dem sie gar nicht gilt.

Man darf nämlich daran zweifeln, ob es wirklich Liebe ist, was Philip und Tania verbindet. Hat doch der Selfmademan seine liebe Müh‘ und Not, die Generation seines Taugenichts-Sohnes Gregory zu verstehen: diese materiell rundum versorgten Schnösel, die den Tag im Pool verdaddeln, statt sich um ihre Zukunft zu kümmern, die „nichts lesen, nichts wissen und nichts wollen“, wie Philip einmal wütend ausruft. Und jetzt soll ausgerechnet diese dauerkichernde Gans ein „Engel“ sein?

Da scheint eine tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben durch. Der gottgleiche Plan, den Sohn nach dem eigenen Ebenbild zu erschaffen, ging wohl schief: obwohl oder vielmehr gerade weil er doch alles dafür getan hat. Doch insgeheim, so lässt sich erahnen, gibt es diese tiefe Sehnsucht nach der jugendlichen Unbedarftheit. Die Verachtung des Sohnes, sie ist wohl nur eine Fassade für die unterdrückte Liebe. Einer Liebe, der Tania nur als Stellvertreterin dient.

Es sind verschlungene Wege, auf denen sich in diesem Stück die Gefühle offenbaren. Gregory zum Beispiel lässt seinen Hass an seinem kleinen Bruder Anthony (Vincent Heppner) aus, drischt auf ihn ein, wann immer es geht. Dabei hasst er gar nicht diesen schüchternen Hänfling, der als Zweitgeborener ohne die Last der väterlichen Hoffnungen und Erwartungen aufwachsen darf. Gregory hasst natürlich in Wahrheit sich selbst: ein im Wohlstand ersticktes Ich, das sich immer noch nach Liebe sehnt.

Alize Zandwijk führt ihr Publikum mit dem ihr eigenen Realismus durch diese Pfade und verbindet unterwegs das Tragische in wunderbar beiläufiger Weise mit dem Komischen. Dass dabei viele Fragen offen bleiben, nicht jedes Wort, jede Handlung eine allein gültige Erklärung findet, ist der Sinn der Inszenierung wie auch der Textvorlage: Der von der Regisseurin im Programmheft angestellte Vergleich mit Tschechow mag ein wenig hoch gegriffen sein, ein beachtliches Gesellschaftsstück ist „Mädchen und Jungen“ aber allemal.

Beachtlich ist auch die Leistung des Schauspielensembles. Martin Baum balanciert geschickt auf der Schnittstelle von Klischee und tragischer Figur, Lisa Guth überzeugt als Luder, das seine Unsicherheit mit Hysterie überspielt, auch Robin Sondermann versteht es wunderbar, die Tarnungsstrategien eines verunsicherten Teenagers nachzuzeichnen. Großartig ist Johannes Kühn, der Gregorys Schulfreund Bertrand mit wohlkalkulierter Dreistigkeit als wahren Wohlstandsschmarotzer darstellt.

Ein Leben nach Fahrplan, diese Idee hat in dieser Familie jedenfalls eher keine Zukunft. Er habe mal irgendwo gelesen, sagt Gregory schließlich, dass ein Mensch dreimal täglich berührt werden müsse um zu überleben, sechsmal um halbwegs glücklich zu werden und zwölfmal um sich entwickeln zu können. Er sei sehr froh, dass seine Eltern von dieser These nie etwas gehört haben: „Sie hätten mich sonst bestimmt jeden Tag genau zwölfmal angefasst.“

Kommende Vorstellungen: heute um 19.30 Uhr sowie am 17. Mai um 18 Uhr, am 28. und 30. Mai jeweils um 19.30 Uhr am Theater Bremen.

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