Washingtoner Abkommen von 1998: Rückgabewelle jüdischer Kunstwerke / Auch Kunsthalle Bremen stellt sich

Madonna mit Kind und ein Schmollmund in Paris

„Madonna mit Kind“ aus dem Umkreis von Bartolomeo Vivarini, ca. 1470.

Von Jost BeckerBREMEN (Eig. Ber.) · Seit dem Washingtoner Abkommen von 1998 schlägt über Deutschland eine neue Restitutions- und Entschädigungswelle für Kunstwerke zusammen.

Erben jüdischer Sammler, die während der NS-Regierungszeit von den Machthabern um ihr Vermögen gebracht worden sind, verlangen heute die wertvoll gewordenen Kunstwerke zurück. Das weckt Widerstand und schürt Emotionen. Auch die Bremer Kunsthalle stellt sich dem Thema und hofft für ihre Provenienzforschung auf Geld aus Berlin. In einer achtteiligen Serie präsentieren wir den aktuellen Stand von Nazi-Raubkunst und kriegsbedingter Beutekunst in Deutschland.

Die Kunsthalle Bremen gehört streng genommen nicht zum Kreis der staatlichen Museen in Deutschland, die sich 1999 durch die „Gemeinsame Erklärung“ von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden verpflichtet haben, NS-Raubkunst aufzuspüren und zurück zu geben. Gleichwohl ist das privat getragene Museum mit bundesdeutschen Leihgaben bestückt und erhält einen Finanzzuschuss der Hansestadt.

2006 ergaben Recherchen des Museums, so Dorothee Hansen, stellvertretene Direktorin und Gemälde-Kustodin des Hauses, dass das im Bestand befindliche Gemälde „Madonna mit Kind“ aus dem 15. Jahrhundert am 25. Januar 1935 beim Auktionshaus Graupe in Berlin erworben worden war. Das Internet-Inventar der Kunsthalle verzeichnet es dezent als „Geschenk des Galerievereins von 1934“.

Die Graupe-Versteigerung war unrechtmäßig – es ging um das komplette Inventar der jüdischen Kunsthandlung Oppenheim. Unter http://www.lostart.de fanden die Bremer eine entsprechende Suchanfrage der Oppenheim-Erben.

Ein „schwarzes Schaf“ im Bestand. Die Kunsthalle entschied auf Rückgabe und wandte sich an die juristischen Oppenheim-Vertreter in Paris. Die Abwicklung bis zum Kauf durch das Museum inklusive des Besuchs eines Sotheby-Schätzers aus Paris danach beschreibt Hansen als unangemessen zäh und von Mißtrauen der Erbenseite geprägt.

In der Nachkriegszeit hatten die Oppenheim-Erben zunächst Rückerstattung beantragt, diese 1960 zurückgezogen, um später pauschal entschädigt zu werden. Für einen fünfstelligen Preis zogen die Erben jetzt den Ankauf der Bremer einer Rückgabe vor.

Provenienzforschung ist langwierig und teuer. So kritisiert der Deutsche Museumsbund, die Washingtoner Erklärung sehe zwar vor, dass Mittel und Personal zur Verfügung gestellt werden sollten, tatsächlich seien die Museen auf sich allein gestellt.

Viel öffentliches Geld gibt es tatsächlich nicht. Die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin angegliedert ist, verfügt über eine Millionen Euro Bundesmittel jährlich. Auch die Bremer Kunsthalle hat aus diesem Topf Mittel beantragt. Der Beirat der Stiftung entscheidet darüber am 14. April.

Restitutionsexperte und Anwalt Gunnar Schnabel aus Berlin übt gleichwohl Kritik an den Museen. Der deutsche Sammlermarkt für die Moderne der Zeit sei in den dreißiger Jahren überschaubar gewesen und lasse flottere Recherchen zu.

Das unterstreicht auch Klaus-Dieter Lehmann, ehemaliger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Vor dem Ersten Weltkrieg waren in Berlin nur vier Prozent der Bevölkerung jüdischer Herkunft, aber fast 40 Prozent des gesamten Stiftungsvermögens stammten aus jüdischen Quellen.“

In ganz Deutschland leistet sich nur die Hamburger Kunsthalle mit Ute Haug eine fest angestellte Provenienzforscherin. Haug selbst: „Die Museen sind nicht die Eigentümer, nur die Verwalter ihrer Kunstwerke – und wir haben diese besondere historische Aufgabe“.

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