Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ im Ballhof von Hannover

Der Tod macht den Menschen aus

Keine Aussicht auf Tod: In Hannover hatte Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ Premiere.

Hannover - Von Jörg Worat(Eig. Ber.) · Die Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“, deren Premiere jetzt im Ballhof zu erleben war, entzieht sich in mancherlei Hinsicht den gängigen Kriterien. Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien haben das „Spiel in einem Akt“, so die offizielle Bezeichnung, 1943 in Theresienstadt geschrieben.

Es wurde nach der Generalprobe verboten, was nicht verwundert, sind die Parallelen zwischen dem größenwahnsinnigen Kaiser Overall und Adolf Hitler doch unübersehbar. Ullmann und Kien wurden 1944 in Auschwitz ermordet, die Oper kam erst 1975 in Amsterdam zur Uraufführung.

Wenn Regisseur Stefan Otteni in Hannover auf jegliche NS-Anspielungen verzichtet, ist ihm dafür zu danken. Denn die Geschichte hat existentielle Züge, die gewiss aus der Entstehungszeit geboren sind, jedoch nicht allein darauf beschränkt werden sollten. Es geht hier auch und vor allem um die große Frage: Ist es nicht gerade das Bewusstsein des Todes, das den Menschen zum Menschen macht?

Der irre Overall ruft den Kampf „Jeder gegen jeden“ aus, hat die Rechnung jedoch ohne den Tod gemacht. Der stellt nämlich schlichtweg seine Arbeit ein. Niemand kann mehr sterben, selbst Hinrichtungsversuche verpuffen ergebnislos. Das Paradies? Wohl kaum, wie schließlich auch Overall einsieht und auf das Angebot des Todes eingeht, den alten Zustand wieder herzustellen – vorausgesetzt, der Kaiser opfert sich selbst.

Wirklich stringent kommt das allerdings nicht daher, die Handlung weist seltsame Sprünge auf, und auch die Musik wirkt kaum einheitlich: Es gibt klassische Anflüge, manchmal klingt es ein wenig nach Jazz, dann wieder expressiv unter Verzicht auf gängige Harmonien. In akustischer Hinsicht besteht kaum einen Grund zur Klage: Das Niedersächsische Staatsorchester unter Toshiaki Murakami spielt konzentriert und pointiert, und die Sangesriege des Staatsoper stellt sich erfolgreich der schwierigen Aufgabe. Besonders die Damen, Mareike Morr als Trommler und Hinako Yoshikawa, sind sehr präsent, und Frank Schneiders in der Rolle des Todes weiß einmal mehr auch darstellerisch zu überzeugen.

Ist es aber nötig, die Akteure immer wieder in irgendwelche Geschirre zu hängen? Bereichert es die Szenerie, wenn ein Harmoniumspieler in luftiger Höhe auf einer Art Schaukel platziert wird? Muss das Bühnenkarree mit Kartoffeln umsäumt sein, wenn auch Schneiders die Erdäpfel zwischendurch elegant zu schälen weiß? Sind die ständigen Ringkämpfe auf der Hinterbühne zwingend? Oder die roten Leuchtstoffröhren, die früher oder später sehr penetrant fürs Auge werden? Die schrecklich grotesken Elemente des Stoffs würden wohl auch ohne solche Bilder deutlich, wahrscheinlich sogar besser.

Das Premierenpublikum schien allerdings beeindruckt und quittierte die rund einstündige Vorstellung mit ausführlichem und kräftigem Applaus nebst vereinzelten Bravos und Fußgetrampel.

„Der Kaiser von Atlantis“: weitere Aufführungen am 21. Januar, 6. und 14. Februar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten unter der Telefonnummer 0511/9999-1111.

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