„Aus den Akten“ thematisiert Flucht und Untätigkeit – damals wie heute

Macht heuchelt Mitgefühl

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Auch dieser Junge hoffte auf bessere Zukunft. Foto: Archiv

Bremen - Von Mareike Bannasch. Belgien würde sie ja gerne nehmen. Aber es sind schon so viele Flüchtlinge im Land – irgendwann muss es reichen. Das findet auch der Franzose Henry Bérenger, den die verzweifelte Lage der Menschen zwar schon irgendwie berührt, aber durchfüttern will Paris die Massen auch nicht. Bleibt nur noch Übersee: Doch die Amerikaner haben ihre Quote von 27 370 Einwanderern pro Jahr bereits ausgeschöpft. Und aufstocken geht auch nicht. Das kann der Präsident seinen Wählern nicht verkaufen.

Ausflüchte, die nicht etwa in einer aktuellen Sitzung des Weltsicherheitsrats zu hören waren. Nein, wie man sich möglichst höflich darum drückt, Verantwortung zu übernehmen, hatten die Mächtigen der Welt bereits vor 81 Jahren verinnerlicht. Damals, als sie am 6. Juli 1938 im idyllischen Evian zusammenkamen, um ein Komitee zu gründen, das die Emigration von Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich erleichtern sollte. Nun ist dieses Treffen Teil der 15. Ausgabe der Reihe „Aus den Akten“ im Bremer Theater am Leibnizplatz. Sie trägt den Titel „Keine Zuflucht. Nirgends: Auf dem Land und auf dem Meer“ und thematisiert nicht nur die Konferenz von Evian, sondern bringt auch die Irrfahrt der MS St. Louis auf die Bühne.

Dort sitzen Simon Elias, Peter Lüchinger, Michael Meyer, Petra-Janina Schultz und Erika Spalke umgeben von Koffern aus verschiedenen Jahrzehnten und lesen aus Schriftwechseln, Zeitungsartikeln und Tagebucheintragungen rund um die Konferenz vor. Dokumente, die eindrucksvoll belegen, wie sich der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt angesichts der Eskalation des Juden-Hasses in Nazi-Deutschland zum Handeln genötigt sah. Immerhin waren es im Jahr 1938 Tausende Menschen, die versuchten, sich in Nachbarländern und Übersee in Sicherheit zu bringen. Männer, Frauen und Kinder, die zuvor jahrelang – oder im Fall Österreichs wochenlang – öffentlichen Demütigungen, Gewalt und Enteignung ausgesetzt waren.

Kapitän Schäfer (Peter Lüchinger, Mitte) tut sein Bestes, um die Passagiere der St. Louis zu retten.

So viel Leid macht auch den Mann im fernen Washington betroffen, allerdings nicht so sehr, als dass er sich dem Führer und seinen Schergen in Berlin entgegengestellt hätte. Nein, nicht mal die Begriffe Juden oder Nazi-Deutschland fallen in Evian, stattdessen ist vage von Flüchtlingen und Herkunftsland die Rede. Eine diplomatische Zurückhaltung, die nicht nur der „Völkische Beobachter“ hämisch kommentiert. Das Propagandablatt findet auch zum Ergebnis der Konferenz harte Worte: „Keiner will sie haben.“ Richtig, denn das Boot ist leider voll, Sie wissen schon.

Damit das auch so bleibt, verschärfen fast alle vertretenen Länder in den kommenden Monaten ihre Einreisevorschriften. Nicht nur, dass die Juden ein Visum ihrer neuen Heimat brauchen, nein, sie sollen auch noch Geld mitbringen. Viel Geld. Dumm nur, dass die Nazis sie wie Weihnachtsgänse ausgenommen haben – und den Menschen nun die finanziellen Mittel fehlen, um zu entkommen. Trotzdem versuchen sie natürlich alles: beantragen ständig neue Papiere, lassen Beziehungen spielen und kratzen das letzte Geld zusammen.

So wie die 937 Menschen, die am 13. Mai 1939 auf der MS St. Louis in Richtung Havanna in See stechen. 14 Tage soll sie dauern, die Reise in ein neues, sicheres Leben. Ein Traum, der in etlichen Tagebucheintragungen beschrieben wird und vor der Küste Kubas ein jähes Ende findet. Denn Präsident Federico Laredo Brú hat kurz vor der Abreise der St. Louis in Hamburg erneut die Regeln geändert, was tagelanges Warten in Sichtweite winkender Freunde und Verwandter nach sich zieht. Von Bord dürfen schließlich 28 Menschen. Der Rest schippert weiter übers Meer und erinnert an die Hilfsschiffe dieser Tage, die mit Geflüchteten vollbepackt auf der Suche nach Aufnahme im Mittelmeer umher fahren.

Die Passagiere der St. Louis werden schließlich auf die Niederlande, Belgien, Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Und fallen damit zu einem Großteil doch wieder den Nazis in die Hände, 254 von ihnen werden den Zweiten Weltkrieg nicht überleben. Darunter etliche Kinder, deren Namen und Alter in den Schlussminuten dieses höchst eindrücklichen Abends verlesen werden. Danach Schwärze, minutenlange Stille – und eine bittere Erkenntnis: Die Menschheit hat nichts dazugelernt. Gar nichts.

Angucken

Sonntag sowie am 18. und 28. Mai, um 19.30 Uhr, Theater am Leibnizplatz.

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