Rammstein bieten in Bremen Kochkurse und Therapiestunden an

Macht und Angst

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„Zum Fressen gern“: Rammstein-Sänger Till Lindemann spielt mit der Angst. · Archivfoto: dpa

Von Johannes Bruggaier BREMEN · „Asche zu Asche“, verkündet der Priester im schwarzen Gewand: „Und Staub zu Staub.“ Später blickt er nach oben: „Oh, gib mir Kraft“. „Fürchtet euch nicht“ heißt es dann. „Wer zu Lebzeit gut auf Erden, wird nach dem Tod ein Engel werden“. Fromme Worte, nur der Weihrauch fehlt.

Es geht erstaunlich religiös zur Sache bei einem Rammstein-Konzert; ausgerechnet bei diesen bösen Skandalrockern, die zuletzt in München einen Auftritt verschieben mussten – weil im katholischen Bayern ihr Erscheinen nicht zum Totensonntag passen wollte.

Fragt sich nur, was Frontsänger Till Lindemann meint, wenn er in der Bremer Stadthalle von der Asche singt, von Kraft und sogar von Auferstehung. Es spricht zunächst nicht viel dafür, dass er sein Publikum damit trösten will, dazu ist sein Auftritt zu grimmig, die ganze Show zu martialisch.

Das fängt schon mit dem Raumschiff an, das dampfend und funkensprühend von der Decke herab zu Boden sinkt. Ein unheimliches Gefährt, das sich erst bei näherem Hinsehen als eine Art Brücke erweist. Unten angekommen, verbindet sie ein Podest im Zentrum des Innenraums mit der Hauptbühne. Und dann marschiert sie ein, die Band: mit Fackel vorneweg und Fahnen hinterdrein. Eine Prozession. Aber natürlich auch ein Fackelzug. Und schon diese Mischung verrät, warum Rammstein lange Zeit unter Rechtsradikalismus-Verdacht standen.

Dabei sind sie über jede politische Vereinnahmung erhaben. Was sie interessiert, sind weder Ideologien noch Religionen, sondern allein deren mystische Symbolkraft. So singt Lindemann zu krachenden Gitarren und donnernden Drums vom „hellsten Stern“, der heute Nacht nicht untergehen werde. „Hier kommt die Sonne“, dröhnt er mit seiner Bassstimme ins Mikrofon, während sich über ihm nicht etwa eine Sonne, sondern gleich deren vier herabsenken: kreisrunde Scheinwerfer, die genauso gut auch als Ufos durchgehen könnten. Sonnenkult trifft auf Science-Fiction-Visionen, hymnische Feierlichkeit auf scheppernde Beats.

„Liebe ist Krieg“, deklamiert Lindemann anschließend im Ton eines Befehlshabers, der genau weiß: „Ihr wollt doch auch den Dolch ins Laken stecken, ihr wollt doch auch das Blut vom Degen lecken!“ Er sprechsingt diese Verse mit rollendem R, angeblich, weil er es in dieser Tonlage gar nicht anders kann. Und stellt sich dazu regungslos an die Rampe wie ein Offizier beim Morgenappell.

Es ist das Spiel mit den Symbolen der Macht und damit immer auch ein Spiel mit der Angst. Das gilt für die Kriegsmetaphorik wie für Todesallegorien, für Raumschiffapparaturen wie für die allgegenwärtigen Feuersbrünste: angefacht und – hoffentlich – kontrolliert vom ausgebildeten Feuerwerkstechniker Lindemann. Es sind Chiffren für die Ängste einer verunsicherten Gesellschaft, für das Unbehagen vor dem Fremden. Zum Beispiel vor dem Kannibalismus. „Heute treff‘ ich einen Herrn“, röhrt Lindemann und setzt sich dazu eine Kochmütze auf: „Der hat mich zum Fressen gern.“ Unterdessen wetzt er die Messer, hinten wird ein Kochtopf bereitgestellt.

„Bück‘ dich!“, befiehlt er dagegen später einem Bandmitglied. „Das Gesicht / interessiert mich nicht!“ Was ihn stattdessen interessiert, ist nicht zu übersehen: Ein gigantischer Gummi-Penis ragt an Lindemanns Hüfte empor, ejakuliert gleich literweise, wenngleich nur Wasser. Hoffentlich.

Schon die alten Griechen haben Theater dazu genutzt, sich von eigenen Ängsten zu kurieren. Im Spiel, so war die Idee, ließe sich die Wildnis beherrschen, das Gefährliche zähmen. Gelingt das in der Fiktion, begegnet man anschließend der rauen Wirklichkeit schon viel gelassener. So gesehen ist Rammstein – oder besser: Rrrrammstein – ein Therapieangebot. Wer an der Realität verzweifelt, findet hier seine Katharsis. Der martialische Habitus, das betonte Selbstbewusstsein von Akteuren wie Fans: Es ist wohl doch nur eine Tarnung für die ganz gewöhnlichen Ängste von ganz gewöhnlichen Menschen.

Unklar bleibt, ob Rammstein das selbst so sehen. Zwar bricht immer wieder Ironie hervor, etwa wenn sie ihr musikalisches Bekenntnis zum linken Bürgerspektrum (eine Reaktion auf die Rechtsextremismus-Vorwürfe) ausgerechnet im Marschstil vortragen. Oder wenn zur Aussage „Mir ist kalt“ unvermittelt die vier Sonnen ganz tief herabsenken, als handele es sich um biedere Wärmelampen. Dann kommt plötzlich eine ganz eigene Komik zur Geltung. Bloß, ob diese gewollt ist, darüber ist man sich nie ganz sicher.

So befindet sich dieser Abend in einem eigenartigen Schwebezustand zwischen Ironie und Ernst, zwischen Provokation und Konvention. Im Gedächtnis bleibt das seltene Vergnügen, handwerklich solide getextete Rocklyrik vernommen zu haben. Und natürlich die brennenden Cherubsflügel: eine beunruhigende Erscheinung, zwei Tage vor Ankunft des Advents-Engelchens.

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