„Der Kraft spielende Übung“: Ernst Osterkamp untersucht Grenzfälle der abendländischen Ästhetik

Für Machos zu stark, für Feministen zu schwach

Kreiszeitung Syke

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Sie erschlug den gefürchteten Feldherrn Holofernes, schnitt ihm den Kopf ab und rettete damit ein ganzes Volk. Doch Judiths tatkräftige Bewerbung blieb erfolglos: keine Anstellung als Idol im neuzeitlichen Feminismus.

Vielleicht liegt es daran, dass ihre religiöser Motivation nicht recht zum aufklärerischen Duktus der Frauenbewegung passen mag. Wahrscheinlicher aber ist, dass Feministen die Falle in diesem vermeintlichen Emanzipationsmärchen des Alten Testaments erkennen. Denn nicht etwa von der Stärke der Frau sollte die Legende künden, sondern von der Stärke des Höchsten selbst, der freilich schon in seiner Benennung männlichen Geschlechts ist. Selbst gegen ein so zartes, schwaches Geschöpf wie eine Frau – so die beabsichtigte Aussage – kann der heidnische Feldherr Holofernes nichts ausrichten, wenn der Christengott es so will: kein Stoff für Alice Schwarzer. Umso mehr für Ernst Osterkamp. Der Berliner Literaturwissenschaftler arbeitet sich gerne an der Frage ab, was eigentlich Ästhetik ist und warum manche Mythen zu bestimmten Zeiten in Mode kommen.

Judith war durchaus in Mode, etwa Ende des 15. Jahrhunderts, als sie in Form einer Bronzeskulptur zur Ikone von Florenz aufstieg: eine Tyrannentöterin als Symbol für die Wehrhaftigkeit und christlich geprägte Gesellschaftsordnung der Stadt. Doch dann sind den Florentinern Skrupel gekommen. Eine schwertschwingende Frau über einem Waschlappen von Mann: Diese Umkehrung der Geschlechterhierarchie hat den männlichen Entscheidungsträgern so wenig behagt, dass sie die Scharfrichterin im Namen Gottes kurzerhand durch Michelangelos David ersetzten. Judith ist eben für Machos zu stark und für Feministen zu schwach, eine eigentümlich ambivalente Rolle im Spiel der biblischen Ikonographie.

Osterkamp sucht nach Erklärungen für das Unerklärbare, nach rational fassbaren Regeln für an sich unfassbare Phänomene wie Schönheitsempfinden oder Stilbildung. Dabei gelangt er auf verborgene Pfade, die zu noch verborgeneren Regionen der Geisteswissenschaft führen. Die Liebeslyrik der Romantik findet bei ihm ihren Ursprung ausgerechnet im Trauergedicht des Spätbarock. Erst in der Trauer nämlich zeigt sich die wahre menschliche Zuneigung: wahr insofern, als sie von jeglichen Triebaffekten befreit ist. Denn nicht mehr der Schönheit des Körpers gilt hier die Liebe, sondern der Schönheit des Gemüts.

Joachim Winckelmanns scharfe Rhetorik findet bei Osterkamp eine einleuchtende wie ungewöhnliche Begründung, zeugt sie doch weniger von einem aufbrausenden Charakter als von strategischer Raffinesse: Mit kompromisslosen Kritiken bereinigte der aufstrebende Altertumsforscher erst den akademischen Markt, um dann mit umso selbstbewusster formulierten Thesen als allein befähigter Experte aufzutreten.

Überraschungen fördert auch der flüchtige Blick in den Laokoon-Diskurs der Präromantik zutage. So findet sich abseits des Lessing-Goethe-Herder-Mainstreams eine völlig neue Deutung der berühmten Skulptur, und zwar in Wilhelm Heinses Roman „Ardinghello“. Der Schlangen-Angriff auf den trojanischen Priester ist demnach nicht als Vorbote des Untergangs zu verstehen sondern schlicht Bestrafung für Laokoons Zügellosigkeit. Schließlich habe der Gottesdiener das Gebot der Enthaltsamkeit gebrochen und seine Frau geschwängert – weshalb die Monsterwesen nicht allein ihn selbst, sondern auch seine in Unzucht gezeugten Söhne verschlingen.

Was Ästhetik nun tatsächlich ist, kann selbstredend auch Osterkamp nicht abschließend beantworten. Eine anspruchsvoll unterhaltsame Auseinandersetzung mit Kernproblemen der Dichtkunst aber ist diese Form der Nichtantwort allemal.

Ernst Osterkamp: „Der Kraft spielende Übung: Studien zur Formgeschichte der Künste seit der Aufklärung“, Wallstein: Göttingen 2010; 312 Seiten; 29,90 Euro.

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