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Alles andere als langweilig: „Die Hochzeit des Figaro“ in Hannover

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Von: Jörg Worat

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Eine Opernsängerin steht am Bühnenrand.
Mutige Neuinszenierung: „Die Hochzeit des Figaro“ ist auf die weibliche Perspektive zugeschnitten. © Sandra Then

Nicht mit der Ouvertüre, sondern der Schlussszene beginnt „Die Hochzeit des Figaro“ in Hannover. Nicht die einzige Besonderheit in der stimmigen Insznierung

Hannover – Kurz vor der Pause gibt sogar die Übertitel-Anlage den Versuch auf, dem Geschehen auf der Opernhaus-Bühne in Hannover folgen zu wollen: Statt irgendwelcher Übersetzungen blinkt nurmehr beharrlich „Error“ auf. Ein schöner Gag und ein plausibler, ist doch die Handlung in Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ mit dem Libretto von Lorenzo Da Ponte verwirrend, um nicht zu sagen hanebüchen. Regisseurin Lydia Steier legt nun eine mutige Neuinszenierung vor.

Eine Oper mit der Ouvertüre beginnen? Wie langweilig! Hier geht‘s mit der Schlussszene los, besser gesagt, mit einer möglichen Version der Schlussszene. Aus der sich eine Figur davonstiehlt, um das Geschehen gleichsam von außen zu betrachten, führt hier doch ein begehbarer Steg um den Orchestergraben herum. Das eigentliche Bühnenbild von Momme Hinrichs besteht aus verschiebbaren Räumen, die etwas klaustrophob wirken und wenig Farbakzente aufweisen. Die finden sich auch in Alfred Mayerhofers Kostümen eher mit gebremstem Schaum.

Komödiantentum sprüht prächtig

Was nun keineswegs bedeutet, dass dies eine triste Aufführung wäre. Ganz im Gegenteil sprüht das Komödiantentum zumindest im ersten Teil ganz prächtig. Figurenzeichnung und Besetzung überzeugen durchweg in dieser Geschichte um die geplante Hochzeit des Dieners Figaro mit der Zofe Susanna, bei der Graf Almaviva dazwischengrätscht, indem er das von ihm selbst abgeschaffte „Recht der ersten Nacht“ plötzlich doch ganz interessant findet – die zahlreichen Nebenstränge lassen wir in diesem Fall mal beiseite, weil ihre Beschreibung den Rahmen sprengen würde.

Hannovers Staatstheater hat eine Neigung entwickelt, Geschichten auf weibliche Perspektive zuzuschneiden, was besonders beim Schauspiel zuweilen etwas aufdringliche Züge annehmen kann. In Steiers „Figaro“-Setzung wirkt es indes durchaus organisch, dass die Fäden eindeutig bei Susanna zusammenlaufen. Sarah Brady macht aus ihr eine facettenreiche, intelligente Figur, die punktuell auch mal angenehm mädchenhaft sein kann. Die Männer kommen ebenfalls nicht eindimensional daher: Der Graf (Germán Olvera) ist mehr als eine wohlfeile Karikatur, wenngleich er unsympathische Züge aufweist. Was übrigens auch auf die Titelfigur zutrifft: Richard Walshe kommt bei allem Klassenkampf – die politische Ebene der Oper in Hinblick darauf, dass hier eingefahrene Strukturen aufgebrochen werden, ist ja nicht zu unterschätzen – als recht ichbezogener Figaro daher.

Sänger und Sängerin streiten sich auf der Bühne.
Gerade der erste Teil der Inszenierung überzeugt. © Sandra Then

Und warum sollte man Szenen, die nun einmal in ihrer Absurdität nachgerade albern vorgegeben sind, nicht auch mit einer gewissen Lust an der Albernheit spielen? Die Sequenz, als Figaro alias Rafaello seine eigentliche Herkunft erfährt und so unvermittelt zu Eltern kommt, was ihn obendrein von einem bedrohlichen Eheversprechen befreit, ist hierfür ein gutes Beispiel.

Auch gesanglich wirkt das alles sehr ausgewogen. Wenn jemand herausragt, dann ist das am ehesten Nina van Essen, deren Cherubino manchmal in fast überirdischer Manier betörend klingen kann. Als Marcellina überzeugt Iris van Wijnen, die kurzfristig und ohne eine einzige Probe für Monika Walerowicz eingesprungen ist.

Blick auf das Geschehen im Hintergrund

Und dann ist da natürlich Kiandra Howarth als Gräfin. Meist bettlägerig, offenbar dem Alkohol zugetan, mit Anflügen von Hysterie und noch dazu extrem komisch: In einer sehr schönen Szene klammert sie sich singend am Türrahmen fest, als sie mitsamt ihrer Liegestatt hinausgeschafft werden soll. Überhaupt legt das Ensemble viel komödiantisches Talent an den Tag, und es lohnen sich immer wieder Blicke auf das, was im Hintergrund abläuft – allein der Unfug, den Henning Orth und Hartmut Vortmüller als unterbelichtete Nonnen im Schlafgemach der gnädigen Frau treiben, ist ein eigener Film. Das Staatsorchester unter Giulio Cilona musiziert zu alledem ebenso beherzt wie diszipliniert.

Dass es schon zur Pause großen Jubel gibt, ist verständlich. Allerdings auch, dass der Schlussapplaus zwar länger, aber nicht in gleichem Maße enthusiastischer ausfällt. Denn der zweite Teil wirkt deutlich bemühter und so mancher Witz plakativer; wo es zudem vorher mit leichter Hand gesexelt hat, geht man sich nun schon mal etwas grob an die Wäsche. Und vor allem wird das Geschehen streckenweise endgültig unübersichtlich, obwohl sich der Regieansatz herauskristallisiert, dass in der ursprünglichen Geschichte womöglich die falschen Paare zusammenkommen – dann würde der „Error“ noch eine weitere Bedeutung erhalten.

Vielleicht war die Probenzeit unter den gegebenen Umständen für das Ensemble etwas zu kurz. So jedenfalls kann Regisseurin Steier nur teilweise einlösen, was sie selbst im Programmheft-Interview proklamiert hat: „Fallhöhe, Baby.“

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