Junge Tänzer überprüfen den Film „Koyaanisqatsi“ auf seine Aktualität

Die Lust am Untergang

Erst draußen gehen die Tänzer in „Qatsi Reloaded“ in Formation. Foto: Charlotte Kühn

JAN-PAUL KOOPMANN

Bremen – Godfrey Reggios „Koyaanisqatsi“ war lange Zeit nur ein etwas verschrobener Klassiker, ein Kultfilm bestimmt, aber mindestens darüber auch harmlos geworden. Über den Soundtrack von Minimal-Komponist Philip Glass reihen sich da fast wortlos Bilder von Explosionen aneinander, von zerklüfteten Landschaften und dem endlosen Maschinenpark der spätindustriellen Welt. Doch obwohl einem das mit äußerster Dringlichkeit und wie im Rausch um die Ohren gehauen wird, hatte sich irgendwann schließlich doch noch herumgesprochen: Die Botschaft ist schon arg platt, hält von der Zivilisation nicht viel und ist sowas wie die Essenz des kollektiven Untergangstrips der 80er-Jahre. Die Bremer Jugendlichen, die den Film heute im Tanz nacherzählen, waren damals noch lange nicht geboren.

Trotzdem ist diese Gemeinschagftsproduktion von Choreograf Hakan Sonakalan, dem Schlachthoftheater, Tanz im Lichthaus und der Oberschule an der Schaumburger Straße an Aktualität kaum zu überbieten. Dass die Tänzer zwischen 13 und 18 Jahren nicht nur für die Kunstblase, sondern für deutlich weitere Teile ihrer Generation stehen, belegt nicht nur „Fridays for Future“. In einem durchsichtigen Kasten im weitgehend schwarzen Bühnenraum ringen die Jugendlichen tanzend mit der Welt. Wie eingesperrt prallen sie da aneinander, probieren sich und einander in angerissenen Figuren aus – und fallen doch immer wieder zurück in ein rohes und energisches Zucken.

Wie die Welt sich seit dem Film verändert habe, fragt die Produktion im Programm ganz ausdrücklich. Tja, vor allem ist sie entgegen aller Erwartungen auch bald 40 Jahre später immer noch da. Interessanter ist wohl, wo diese aller professionellen Anleitung zum Trotz sehr authentische junge Kunst eigentlich andockt. Steckt im neuen Umweltbewusstsein ein Wiedergänger der finsteren Öko-Apokalyptik ihrer Eltern und Großeltern? Und wie wirkmächtig sind die totalitären Phantasien, die sich natürlich auch unter dem (schon verräterisch klingenden) Hashtag „Klimanotstand“ versammeln, für das Engagement der ganz Jungen?

Abschließend klären kann eine Tanzproduktion das natürlich nicht. Dass sich die Frage aber überhaupt aufdrängt, ist schon ihr Verdienst. Im Gegensatz zum Film ist „Qatsi Reloaded“ nämlich ausgesprochen offen und arbeitet genau diese quälenden Widersprüche präzise heraus. Erst als die Tänzer ihren engen Raum verlassen, gehen sie in Formation. Interessant ist, wie diese maschinelle, fast militärische Ordnung erst draußen entsteht – in der Freiheit also, wo eigentlich nichts mehr müsste. Die unzähligen kleinen Ausbrüche kommen erst noch, unter dem Druck der schlechten Welt sind es oft Zusammenbrüche.

„Qatsi Reloaded“ interessiert sich nicht für Perfektion, sondern für Reibungen. Zu der eindringlichen Musik des Komponisten Riccardo Castagnola wird sich gekratzt, gewunden und gestolpert.

Und natürlich ist da auch Untergangsstimmung im Spiel. Man kann trotz aller kritischer Distanz zur denunziatorischen Blödheit des Films ja auch nicht übergehen, dass die Zivilisation diese grässlichen Bilder tatsächlich zu verantworten hat. Das einerseits anzuerkennen, ohne darum blind in reaktionäre Untergangslust zu taumeln, ist eine doppelte Herausforderung, an der eine ganze Generation krachend gescheitert ist. Dass es besser geht, haben diese Jugendlichen zumindest im Kunstlabor eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Sehen

Montag, 19. August, 19 Uhr, BLG-Forum am Speicher XI, Bremen.

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