Uraufführung

Lulus lustvolles Leben mit Leichen - Theater Bremen zeigt Alban-Berg-Oper 

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Claudio Otelli trägt Schalitt mit Fassung.

Bremen - Von Markus Wilks. Sie gilt neben der Carmen als eine der erotischsten Figuren der Opernwelt: Alban Bergs Lulu - eine von Männern umgarnte Frau, deren lustvolles Leben Leichen hinterlässt. Wir wären aber nicht am Theater Bremen, wenn nicht hinter die Fassaden des Stücks geschaut würde. Herausgekommen ist eine düstere, ganz und gar „unklassische“ Produktion, die mit der musikalischen Neufassung des dritten Aktes zugleich eine Uraufführung beinhaltete. Das Publikum würdigte die starken Leistungen mit deutlicher Zustimmung.

Das Theater Bremen besitzt ein Faible für anspruchsvolle Inszenierungen, zu deren Verständnis das Programmheft immer lesenswerte Gedanken bringt, die manchmal Voraussetzung für das Verstehen der Inszenierung sind. Und es besitzt eine Vorliebe für Regisseure, die nicht die Handlung, sondern einen wesentlichen Aspekt ihrer (oftmals vielschichtigen) Werkanalyse inszenieren. Exemplarisch hierfür steht die Neuproduktion von Alban Bergs Oper „Lulu“. So ist in Bremen - natürlich, möchte man sagen - Vieles nicht so, wie man es gewohnt ist. Statt Aufstieg und Fall der Männer verbrauchenden Lulu erleben wir - als Projektionsfläche der Männer - Episoden aus dem Leben einer Frau, in deren Gegenwart sich die Männer merkwürdig verhalten und am Ende gar verrückt werden. Statt einer grellen, bunten Bühnenshow rund um das Erotikbündel Lulu sehen wir ein fast komplett in schwarzen Tönen gehaltenes Arrangement der „handelnden“ Personen. Frauke Löffel hat die Bühne entworfen, Sara Schwartz die Kostüme.

Doch der Reihe nach. Regisseur Marco Storman lässt zu Beginn einen Mann aus dem Publikum auf die Bühne steigen, der als Prototyp für die männliche Sicht auf das Objekt Lulu gelten kann. Es ist Dr. Schön (Chefredakteur, Lulus Dauergeliebter und später Ehemann Nummer drei), der nun auf der Bühne mit seinen eigenen Projektionen konfrontiert wird. Er ist der Urheber für die Bilder von Lulu, die wir erleben. Optisch sind die anderen Figuren dieser Oper allesamt Doppelgänger oder Variationen von Dr. Schön, lediglich Schigolch (ein rätselhafter Begleiter Lulus) besitzt eigene Züge und verkörpert den Zirkus-Charakter, der in Bergs Oper steckt.

Gespielt wird in einem kaleidoskopartigen Irrgarten aus drehbaren Spiegeln, mit deren Hilfe die Protagonisten vervielfacht und verzerrt werden und das Publikum mehrfach sehr lichtstark geblendet wird. Wie ein Objekt aus einer anderen Welt ist der vermeintliche Vamp Lulu bis zum Hals hin in einem Kleid eingeschlossen. Im weiteren Verlauf wird die Drehbühne immer transparenter und im Gegenzug Lulu persönlichkeitsstärker (später wie eine Nixe in einem silbergrauen Ganzkörperanzug), die Männer (insbesondere Dr. Schön) schwächer sowie die Bühnenakustik schwieriger.

Marco Storman fordert dem Publikum eine hohe Konzentration ab, denn außer glitzernd-rotem Konfetti (Symbol für spritzendes Blut) gibt es auf der Bühne im Grunde keine Farbe. Zudem sind klassische Interaktionen im Sinne einer nachvollziehbaren Handlung auf ein Minimum reduziert, sodass das dreistündige Stück (plus zwei Pausen) harte Arbeit nicht nur für die Sänger bedeutet. Gefallen lässt man sich diesen Abend vor allem wegen der musikalischen Umsetzung. Mit Marysol Schalit (Lulu), Nathalie Mittelbach (Geschwitz), Birger Radde (Athlet, Tierbändiger), Hyojong Kim (Maler, Prinz) und Ulrike Mayer (verschiedene Rollen) stehen Sänger mit wundervollen Stimmen auf der Bühne, die Bergs Zwölftonmusik fast schon zu einem Genuss machen. Loren Lang (Schigolch), Chris Lysack (Alwa), Christian-Andreas Engelhardt (mehrere Rollen) und Claudio Otelli (Dr. Schön) setzen ihre markanten Stimmen gekonnt ein und geben der Musik eine besondere Würze. Erwähnung finden muss neben Claudio Otelli, der sich trotz des seine Rolle einengenden Regiekonzepts als Sängerdarsteller auszeichnen kann, Marysol Schalit. Erwartungsgemäß ragt sie in der dankbaren Titelpartie aus dem tollen Ensemble heraus. Ihr wundervoll timbrierter, leuchtender Sopran besitzt am Premierenabend fast keine Grenzen und bewältigt Bergs Ausflüge in die extremen Höhen ebenso sicher wie die Sprünge und die wortverständliche Wiedergabe der vielen, vielen Noten.

Herausragend: Marysol Schalit als Lulu (l.) in der gleichnamigen Oper von Alban Berg, hier mit Claudio Otelli. 

Kapellmeister Hartmut Keil empfiehlt sich am Pult der Bremer Philharmoniker erneut für höhere Aufgaben. Unter seiner Leitung spielt das Orchester die unbequeme Partitur fließend und voller Tonschönheit. Natürlich ist es „moderne“ Musik mit entsprechenden Herausforderungen für den Hörer, aber diese weiche, den Gehalt der Partitur nicht verwässernde Interpretation ist klasse. Da Alban Berg über der Partitur gestorben ist, gab es mehrere Versuche einer Komplettierung des dritten Aktes. Der aus Bremen stammende Komponist Detlef Heusinger hat nun eine Version für ein mittelgroßes Orchester plus einige elektronische Instrumente erstellt.

Positiv zu vermerken ist, dass der Versuch, Berg aus heutiger Sicht zu vollenden, recht organisch an das Original anknüpft, auch wenn die Musik nun weniger transparent ist. Dem Rezensenten hat die radikalere, klangliche reduzierte Fassung der Staatsoper Hamburg vor zwei Jahren besser gefallen, die nach den komprimierten Vorgängen im dritten Akt mit einem atmosphärisch starken Lulu-Requiem schließt.

Das Theater Bremen hat wieder einmal eine unbequeme, höchst ambitionierte Produktion gezeigt, die sich hören lassen kann.

Nächste Vorstellungen

Am Dienstag, 29. Januar sowie am Sonnabend, 9. Februar, Freitag, 15. Februar, jeweils um 19 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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