Die 39. Literarische Woche Bremen setzt sich mit Überwachungstendenzen auseinander – kritisch aber nicht kontrovers

Selbst Verschwörungstheoretiker sollen erblassen

+
Peter Schaar

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Mit dem Motto „Die Anderen – Angst und Faszination“ hatte die Literarische Woche Bremen zuletzt prophetisches Gespür bewiesen. Die Auftritte von Rassismusexperten und Konfliktforschern muten im Rückblick an wie eine diskursive Vorbereitung auf die fremdenfeindlichen Bewegungen unserer Tage. - Von Johannes Bruggaier.

Verglichen damit steht die Überschrift zum diesjährigen Literaturfestival unter Verspätungsverdacht. „Sie kennen dich!“, ruft sie uns in großen Lettern entgegen: „Überwachung total.“ Es geht um Edward Snowden und die NSA, um Datenschutz und Internet. Wirklich neu ist das zwar nicht. Doch allein die aktuellen Rufe nach neuen Antiterrorgesetzen und Vorratsdatenspeicherung beweisen, dass seine zentralen Fragen vielleicht aus den Schlagzeilen verschwunden, damit aber längst nicht beantwortet sind.

So diskutieren nun von morgen an Sachbuch- wie Prosaautoren über Gefahren der polizeilichen Überwachung, über Einschränkungen der Meinungsfreiheit und den vielfach allzu sorglosen Umgang mit persönlichen Daten. Zu den bekanntesten Namen dürfte dabei der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar zählen, der am 19. Januar (19 Uhr in der Stadtwaage) von einer geheimdienstlichen Unterwanderung des Internets berichten wird, vor der laut Ankündigung „selbst Verschwörungstheoretiker erblassen“ dürften.

Ebenfalls bekannt ist Alexander Krützfeldt, nur eben nicht als Alexander Krützfeldt, sondern als anonymer Autor des Buchs „Deep Web – Die dunkle Seite des Internets“. Nach seiner angeblich freiwilligen Aufgabe des Pseudonyms tritt er nun öffentlich auf und spricht über die digitale Welt jenseits der Suchmaschinen: einen Ort, in dem sich Dealer von Waffen, Drogen und Pornographie bevorzugt bewegen (Lesung am 16. Januar um 19 Uhr in der Zentralbibliothek, Wall-Saal).

Auch die beiden Fremdspracheninstitute Bremens haben sich an der Programmplanung wieder beteiligt und mit dem französischen Schriftsteller Yannick Haenel (18. Januar, 11 Uhr, Institut Francais) sowie der spanischen Science-Fiction-Autorin Rosa Montero (22. Januar, 19 Uhr, Zentralbibliothek, Wall-Saal) Dichter aus dem eigenen Sprachraum eingeladen.

Schaar und Krützfeldt, Haenel und Montero: Einig sind sich alle Gäste in ihrer Ablehnung aktueller Überwachungstendenzen. Dass keine einzige Gegenstimme zu hören sein wird, begründet man von Seiten der Festivalleitung unter anderem mit deren Nichtexistenz. Unter Literaten, so heißt es, gebe es nun mal keinen Zweifel an der Kritikwürdigkeit dieser Entwicklung.

Nun ist der Begriff „Literaten“ ein dehnbarer, und wer unter ihm auch Sachbuchautoren oder journalistische Publizisten versteht, wird in Jan Fleischhauer oder auch Henryk Broder schnell fündig. Doch selbst unter expliziten Prosaautoren wären selbstverständlich genügend Kritiker der Überwachungskritiker vorhanden gewesen, etwa Ernst-Wilhelm Händler („Man muss kontrollieren, um Terrorismus zu verhindern“) oder auch Clemens Meyer, Träger des Bremer Literaturpreises 2014 („Schaltet das Netz ab, geht in die Bibliotheken, macht auch mal die Handys aus, und schon steht die NSA auf dem Schlauch“).

Ihre Stimmen werden nicht gehört, dafür die des neuen Bremer Literaturpeisträgers: In Marcel Beyer geht die bedeutendste Auszeichnung, die Bremen für die Dichtkunst zu vergeben hat, nach langer Zeit mal wieder an einen Lyriker (Lesung am 25. Januar um 18 Uhr in der Glocke, Preisverleihung am 26. Januar um 12 Uhr in der Oberen Rathaushalle). Und dagegen ist nun wirklich nichts zu sagen.

Weitere Informationen unter www.literarische-woche.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Blamage für Hongkonger Regierung: Vermummungsverbot gekippt

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Unwetter in Österreich: Mann stirbt nach Erdrutsch

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Brechts New Yorker Schokoladen-Stücke

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Wahn und Wirklichkeit

Wahn und Wirklichkeit

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare