Lili Fischer erzählt in Bremen von einem Leben voller Stacheln und Hindernisse

Igel fordern Gerechtigkeit

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Nachtschlafende Ruhe im Paula-Modersohn-Becker-Museum: Mitnichten, im Dunkeln greifen dort die Igel nach der Macht.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der Garten spricht zu uns, Tag für Tag. Die Libellen haben etwas zu sagen, ebenso wie die Spinnen, die Fliegen oder Schnaken. Und wer sich über ihre Botschaften so gar nicht schlüssig werden mag, dem kann Lili Fischer helfen. Die Hamburger Künstlerin ist spezialisiert auf die Übersetzungsarbeit von allerlei Getier. Zuletzt war sie in Bremen mit ihrer „Werkgruppe Falter“ zu erleben. Zarte Flügelwesen im Großformat, dazu ein Kostüm für die Museumsbesucher: Einmal als Motte durch die Kunsthalle flattern, schon lässt sich am eigenen Leib erfahren und erfühlen, was aus Sicht des Tieres so alles verkehrt ist an dieser menschlichen Welt.

Im Paula-Modersohn-Becker-Museum bietet sich jetzt die Gelegenheit, das Empfinden eines weitaus robusteren Wesens zu erkunden. Der Igel, so scheu er auch ist, hat Fischer exklusive Einblicke in seine Gemütsverfassung gewährt. Angefangen, sagt sie, habe es mit einem schwächlichen, kranken Exemplar, das durch ihre Pflege wieder zu Kräften gekommen sei. Plötzlich sei ihr Garten voll gewesen mit hoffnungsfrohen Igelpatienten, die sich irgendwie verstanden fühlten von der fürsorglichen Besitzerin. Für die stand bald fest: Der Igel, von der Kunstgeschichte über Jahrhunderte hinweg sträflich vernachlässigt, gehört ins Museum. Und wo gehört er dorthin? Auf Augenhöhe an die Wand? Natürlich nicht. Er gehört nach unten, irgendwo knapp über dem Boden. Möglichst versteckt im Gebüsch. Für jedes Landschaftsgemälde, meint Fischer nämlich, sei doch „so ein kleiner schmatzender Igel darunter eine echte Bereicherung“.

Und so krabbelt unter Paula Modersohns Bäumen im Teufelsmoor etwas Kleines, Stacheliges herum. Von braunem Gestrüpp umrahmte Fotos und Videos zeigen hier eine kleine Pfote beim Kratzen eines deutlich größeren Igelgesäßes, dort eine kleine Schnauze beim Ausschlabbern eines Wassernapfs. Das ist natürlich hübsch anzusehen, aber wenig hilfreich, wenn es darum geht, den Igel auch zu verstehen, sich wirklich einzufühlen in seine täglichen Sorgen und Nöte.

Doch diesem Missstand kann auf der zweiten Etage der Schau Abhilfe geschaffen werden. Zur Verfügung steht eine Sammlung von Kopfbedeckungen. Kappen und Hüte, die sich durch einen auffallenden Schmuck auszeichnen: Es liegt jeweils ein flauschiges, bauschiges Stacheltierchen darauf. Mit einem Igel auf dem Kopf, sagt Fischer und greift zu einem der Hüte, nehme man schon mal die Perspektive des Tieres ein. Allerdings sei das natürlich nur der erste Schritt auf dem Weg zum wahrhaftigen Verständnis. Der zweite ist auf einer kleinen Tafel vorgezeichnet: Es handelt sich um das Muster des legendären „Igelkarussells“, jenen Laufweg, den ein brünftiger Igel so lange schnaufend und grunzend durch den Garten zu marschieren pflegt, bis sich endlich ein paarungswilliges Weibchen seiner erbarmt. Der Besucher soll also erst den Hut mit Igel aufsetzen – und dann doch nicht etwa…? Aber da dröhnt auch schon die Oktoberfest-Tanzmusik aus den Boxen, und eine mit Igelkopfschmuck verzierte Lili Fischer schwebt so grazil wie ein übergewichtiger Igel von links nach rechts, vor und zurück.

Man muss das tun, um ihn zu verstehen, den Igel. Denn nur dann ist zu erfahren, dass ihn seit Jahren schon ein schier unerträglicher Zustand bedrückt. Es geht um die Tierkreiszeichen: den Löwen also, den Krebs, den Fisch und den Steinbock. Der Igel fehlt. Eine Frechheit.

Nötig wäre also ein Geheimbund, ein Orden der Igel, gegründet zum Zweck der Etablierung eines eigenen Platzes im Kosmos. Und was das betrifft, Fischer senkt jetzt die Stimme, so gibt es eine brisante Nachricht: Es gibt ihn bereits! Einen Geheimbund! Sein Vorsitzender lebt im Freilichtmuseum Detmold. Fischer hat sogar ein Foto dabei: Zu sehen ist ein gigantisches Vieh von rund zwei Metern Höhe, seine Stacheln sehen zwar mehr nach Borsten aus, aber dafür krönt eine edle Krone das wächserne Haupt.

So ist der Besucher, Teufel noch mal, über Lili Fischers Igelkunde in eine handfeste Verschwörung hineingeraten. Verstört zieht er von dannen. Das Tierleben im Garten daheim aber wird er künftig mit anderen Augen beobachten.

Bis 20. September 2015 im Paula-Modersohn-Becker-Museum, Böttcherstraße 6-10. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr..

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