Auftritt von Vinx im Bremer Sendesaal

Liebesschmerz in Handarbeit

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Ein Händchen für den guten Ton: Vinx.

Bremen - Von Johannes BruggaierHätten die USA 1980 nicht die Olympischen Spiele in Moskau boykottiert, sagt Vinx, wäre er nicht der Künstler geworden, der er heute ist. Vinx hieß damals noch Vincent Parrette und zählte zu den besten Dreispringern der Welt. 1980 war sein Jahr, er hatte Medaillenchancen – bis sich die Politik der Sache annahm. Vier Jahre später, in Los Angeles, war er dann verletzt.

Hätten die USA nicht die Olympischen Spiele boykottiert, könnte am Dienstagabend also kein „Summertime“ im Bremer Sendesaal erklingen: so warm, so sommerluftig, so heiter gelassen, dass man für einen Moment das Novembergrau da draußen vergisst. Vinx ist ein Einzelkämpfer, im Sport wie in der Kunst. Zwar war er in seiner Karriere schon mit Sting und Stevie Wonder, mit Sheryl Crow und Taj Mahal aufgetreten. Doch seit einiger Zeit drängt es ihn zum eigenen Ausdruck, jenseits aller Trends und Moden.

So sitzt er nun auf seinem Hocker, nichts anderes in der Hand als eine kleine Djembe-Trommel. Und unten die Pedale seiner Loop-Maschine. Man kann sich mit diesem Instrument ein ganzes Begleit-Ensemble zusammenpuzzeln. Einfach erst das Grundmotiv intonieren, es von der Maschine aufzeichnen lassen und anschließend in Endlosschleife wieder abspielen. Dann zum ersten Motiv ein weiteres hinzufügen, wieder Aufzeichnung und Wiedergabe. Irgendwann ist ein ganzer Chor zu hören, der Solist kann loslegen.

Bei Vinx funktioniert das insofern anders, als man statt des Chores zeitweise ein Orchester zu vernehmen meint: Saxophon, Flöte, Posaune, obgleich doch nichts davon auf der Bühne vorhanden ist. Tatsächlich produziert Vinx dieses Klangspektrum mit nichts anderem als seiner eigenen Stimme – und seinem Körper, der ihm als Resonanzraum dient.

Das hat durchaus etwas von Zauberei, doch reicht die Klangwirkung an diesem Abend weit über das Zirzenische hinaus. Denn Vinx versteht es, mit sich selbst in einen Dialog zu treten, der eigenen Begleitung einen gänzlich neuen Ausdruck entgegenzusetzen. Dabei wirkt er nie beliebig, vielmehr als souveräner Meister über Harmonie und Klangfarbe, über Gedanken und Gefühl.

So singt er – „Please come back“ – von seiner Liebe, die in eine Einbahnstraße geraten ist, seit seine Freundin ihn verlassen hat. Und vereint darin Sehnsucht mit Hoffnung und Schmerz: die ganze Widersprüchlichkeit des vergeblich Liebenden, ohne dass dies in Kitsch abzudriften droht. Wenn er dann auch noch mit nichts weiter als seinen Handflächen eine Percussiongruppe entstehen lässt, zart und doch impulsiv, findet die unglückliche Lovestory ihre Erdung im authentischen Ausdruck. Musik, das ist bei Vinx eben noch Handarbeit.

Wer die Goldmedaille gewonnen hat im Dreisprung 1980, das weiß heute kein Mensch mehr. Vinx aber singen hören ist noch immer ein Erlebnis.

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